Theater
im Gespräch
OLIVIER ORTOLANI
Interviews mit: Luc Bondy, Peter Brook, Patrice Chéreau, Dario Fo, Heiner Müller, Peter Stein, George Tabori, Michel Vinaver und Peter Zadek. Amphitheater
178 Seiten - 12 EURO
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VORWORT
Die vorliegenden Gespräche mit neun namhaften Repräsentanten
des europäischen Theaters habe ich in den Jahren 1985 bis
1990 geführt. Es waren meist Auftragsarbeiten für deutsche,
französische und belgische Theaterzeitschriften und - Bücher.
Wenn ich diese Interviews jetzt, in einem Band gesammelt,
noch einmal vorlege, dann weniger, weil ich glaube, dass sich aus ihnen eine Art Panorama oder Standortbestimmung des heutigen europäischen Theaters herausbilden könnte
( dazu hätten noch andere Regisseure, Dramatiker, Schauspieler,Bühnenbildner und Intendanten zu Wort kommen
müssen ), sondern vielmehr, weil ich das Besondere, das
Charakteristische einiger Persönlichkeiten, die das Theater unserer Zeit massgeblich geprägt haben, im Dialog,noch einmal zum Klingen lassen bringen will. Und auch damit im Nebeneinander dieser Gesprächstexte sowohl die Gemeinsamkeiten
wie die Unterschiede dieser Theaterleute und ihrer
Herangehensweise ans Theater sichtbar werden.
Freilich werden in einigen Interviews auch Themen und Fragen
erörtert, die zum Zeitpunkt, wo unsere Begegnungen stattfanden, aktuell und wichtig waren, heute aber vielleicht nur noch von geringem, höchstens ( theater- ) historischem Interesse sind. Um den Charakter der Gespräche nicht zu verfälschen, habe ich diese, meist sehr kurzen, Passagen unverändert stehen lassen, sowie ich überhaupt an den Texten nur sehr wenige, geringfügige Korrekturen vorgenommen habe. Und wenn dann nur zugunsten einer besseren Lesbarkeit. Doch meine ich, dass sich allgemeinen ein etwas zeitloser, das heisst die Jahre überdauernder, auch heute noch anregender Ton durch sämtliche Dialoge hindurchzieht. Auch wenn der Anlass der Begegnung gewöhnlich eine bestimmte Inszenierung, ein bestimmter Text oder ein bestimmtes Theaterereignis war, so kam es mir dabei doch vornehmlich darauf an, das Wesentliche, Unverwechselbare und Eigentümliche eines jeden Gesprächspartners und seiner Arbeit zur Sprache zu bringen. Wäre mir das auch nur teilweise gelungen, hätten die vorliegenden Interviews ihren Sinn erfüllt.
Olivier Ortolani, Januar 1998
BIOGRAPHISCHE HINWEISE
LUC BONDY 1948 als Sohn des Publizisten François Bondy in
Zürich geboren, ging, nach zweijähriger Ausbildung an der
Schauspielschule von Jacques Lecoq und dem Studium an der
internationalen Theateruniversität in Paris, 1969 als Regie-
assistent ans Thalia Theater in Hamburg. Nach ersten Inszenierungen in Deutschland, "Narr und Nonne" von Stanislaw
Witkiewicz (1971), "Die Zofen" von Genet, "Die Stühle" von
Ioneco (1972), "Stella" von Goethe (1973), gelang ihm 1973 in München der Durchbruch mit "Die See" von Edward Bond. Danach inszenierte er in Hamburg, Frankfurt und an der Schaubühne am Halleschen Ufer Berlin (dort: "Die Wupper" von Else Lasker-Schüler, 1976 und "Man spielt nicht mit der Liebe" von Musset, 1977 ). Nach Regiearbeiten in Hamburg und Köln, 1982
Rückkehr an die Schaubühne am Lehniner Platz mit "Kalldewey
Farce" von Botho Strauss. Von 1985 bis 1988 Mitglied der
Direktion der "Berliner Schaubühne", wo er Marivaux' "Triumph
der Liebe" (1985), Molières "Menschenfeind" (1987), Strauss' "Die Zeit und das Zimmer" (1989) und "Schlusschor" (1992) Shakespeares "Wintermärchen (1990) und Peter Handkes
"Die Stunde, da wir nichts voneineinder wussten" (1994) inszenierte. Ab 1984 arbeitete er auch als Regisseur am Théâtre des Amandiers in Nanterre: Schnitzlers "Das weite Land" (1984) und Shakespeares "Wintermärchen" (1988) entstanden. In Lausanne inszenierte er 1993 "John Gabriel Borgman" von Ibsen und 1996 "Mit dem Feuer spielen" von Strindberg. Daneben zahlreiche Operninszenierungen: u.a. "Lulu" und " Wozzeck" von Berg (Hamburg 1978 und 1981), "Cosi fan tutte" von Mozart (Brüssel, 1984), "Salomé" von Richard Strauss (Salzburger Festspiele, 1992), "Der Reigen" von Philippe Boesmans (Brüssel, 1993). Bondy ist auch der Regisseur zweier Filme: "Die Ortliebschen Frauen" (1981) und "Das weite Land" (1981).
PETER BROOK 1925 in London geboren. Während seines Studiums
am Magdalen College in Oxford inszenierte er im Alter von siebzehn Jahren mit Amateuren "Doktor Faustus" von Christopher
Marlowe. 1944 drehte er seinen ersten Film "Eine sentimentale Reise". In den vierziger Jahren Inszenierungen von zeitgenössischen Stücken und Shakespeare-Dramen in Birmingham,
London und Stratford. 1948 erste Operninzenierung ( "Boris
Godounov" von Mussorgskij ) am Covent Garden, das er zwei Jahre lang leitete. In den fünfziger Jahren inszenierte Brook
die unterschiedlichsten Stücke verschiedenster Autoren in zahlreichen europäischen Städten und in New York. Die Inszenierung des "Titus Andronicus" von William Shakespaere
erregte 1955 grosses Aufsehen. 1962 leitete er, zusammen mit
Peter Hall, die Royal Shakespeare Company und inszenierte
Shakespeares "König Lear" im "leeren Raum". Begegnung mit
Grotowski und Auseindersetzung mit Artaud. 1964 Gründung des
"Theaters der Grausamkeit" und Inszenierung von Peter Weiss'
"Marat/Sade". 1966 enstand die Vietnam-Collage "US", 1968
Senecas "Oedipus" und im selben Jahr erschien sein Buch
"Der leere Raum". 1970 Abschied vom Theater mit Shakespeares
"Sommernachtstraum". Im selben Jahr gründete Brook, zusammen
mit Micheline Rozan, das Centre International de Recherches
Théâtrales in Paris, wo er mit einer internationalen Gruppe
von Schauspielern zusammenarbeitete und die Grundlagen des
Theaters erforschte. 1971 inszenierte er "Orghast" in Perse- polis, und 1973 unternahm das Centre eine Theater-Safari durch Afrika. 1974 war die Forschungsarbeit beendet, das umbenannte
Centre International de Créations Théâtrales etablierte sich
in den Bouffes du Nord in Paris und zeigte als erstes Shakespeares "Timon von Athen". In den folgenden Jahren inszenierte Brook "Les Iks" (1975), "Ubu aux Bouffes" (1977), "Mass für Mass" (1978), "Die Konferenz der Vögel" (1979), "Der Kirschgarten" und "Die Tragödie der Carmen" (1981). Das "Mahabharata", nach einem altindischen Epos, kam in einer neunstündigen Version 1985 in französischer und 1987 in englischer Sprache heraus. 1990 inszenierte er Shakespeares "Sturm", und 1992 bearbeitete er Debussys "Pelléas und Mélisande". Auf "L'Homme qui", nach einem Buch des amerikanischen Neurologen Oliver Sacks, im Jahre 1993, folgte
1995 seine Inszenierung von Samuel Becketts "Glückliche Tage"
und seine Theater-Collage "Qui est là". 1997 Wiederaufnahme
von "L'Homme qui". Peter Brook hat mehrere Filme gedreht,
darunter "Die Bettleroper" nach John Gay (1952), "Moderato Cantabile" nach Marguerite Duras (1960), "Herr der Fliegen" nach William Golding (1963), "König Lear" (1969), "Begegnungen
mit bemerkenswerten Menschen" nach Gurdjieff (1977) und "Mahabharata" (1990).
PATRICE CHEREAU 1944 geboren in Lézigné als Sohn eines Malers und einer Seidenzeichnerin. Verbrachte seine Kindheit und Jugend in Paris, wo er 1959 am Lycée Louis le Grand einer
Schülertheatergruppe beitrat, mit der er 1964 seine erste
Inszenierung machte: "L'Intervention" von Victor Hugo. 1966
bringt er am, von Bernard Sobel geleiteten, Théâtre de Gennevilliers "Die Affaire der Rue de Lourcine" von Labiche
heraus. Im selben Jahr übernahm er für drei Jahre die Leitung
des Theaters in der Pariser Vorstadt Sartrouville, wo er
"Die Soldaten" von Lenz (1967), "Der Schnee" und "Der Dieb",
zwei Stücke des Chinesen Kuan-Han-Ching (1968),"Der Preis der
Revolte auf dem Schwarzmerkt" von Dimitri Dimitriadis und
"Dom Juan" von Molière (1969) inszenierte. In den nächsten Jahren drei Inszenierungen an Strehlers Piccolo Teatro in
Mailand ( Nerudas "Glanz und Tod des Joaquin Murieta", 1970,
Tankred Dorts "Toller", 1970 und Wedekinds "Lulu", 1971), ehe
er neben Roger Planchon die Direktion des T.N.P. in Villeur- banne im Jahre 1972 übernahm. Dort inszenierte er "Das Massaker von Paris" von Marlowe, eine neue Version von Dorsts "Toller", "Lear" von Edward Bond und "Der Streit" von Marivaux. Chéreau, der immer wieder als Opernregisseur gearbeitet hat, wurde in Deutschland vor allem durch seine Inszenierungen von Richard Wagners "Der Ring des Nibelungen" (1976-1980) bekannt. 1981 inszenierte er Ibsens "Peer Gynt" und in Andrej Wajdas "Danton" spielte er Camille Demoulins. 1983 übernahm er, zusammen mit Cathérine Tasca, die Leitung des Théâtre des Amandiers in Nanterre, wo er auch eine Schauspielschule gründete und bis 1989 blieb. Er entdeckte Bernard-Koltès für die Bühne, von dem er in den folgenden Jahren mehrere Stücke herausbrachte: "Der Kampf des Negers und der Hunde", "Quai West", "In der Einsamkeit der Baumwollfelder" und "Rückkehr in die Wüste". Daneben inszenierte er in Nanterre: "Die Wände" von Jean Genet,
"Die falsche Zofe" von Marivaux, "Lucio Silla" von Mozart,
"Quartett" von Heiner Müller, "Platonow" von Tschechow mit
Schauspielschülern. 1988 inszenierte er in der Cour d'Honneur in Avignon Shakespeares "Hamlet". Weitere Inszenierungen
waren: Botho Strauss' "Die Zeit und das Zimmer" (1991),
Mozarts "Don Giovanni" (1994) und die Wiederaufnahme von
Koltès "In der Einsamkeit der Baumwollfelder" (1995), wo
Chéreau die Rolle des Dealers übernahm. Chéreau hat mehrere
Filme gedreht und in den letzten Jahren galt sein Interesse
immer mehr dem Kino: "Das Fleisch der Orchidee" (1974),
"Judith Therpauve" (1978); "L'homme blessé (1982), "Hôtel
de France" (1988) und "Die Bartholomäusnacht" (1994).
DARIO FO 1926 in San Giano als Sohn eines Eisenbahners geboren. Studium der Architektur in Mailand, wo er 1950
Franco Parenti und Giustino Durano kennenlernte, mit denen
er gemeinsam drei politisch-satirische Revuen schrieb und aufführte: "Kikeriki" (1952), "Der Finger im Auge" (1953), "Gesunde zum Festbinden" (1954). 1955 Hauptrolle in Carlo
Lizzanis Film "Der Entwurzelte" und Mitarbeit an Drehbüchern.
1958 Rückkehr nach Mailand, wo er gemeinsam mit der Schauspielerin Franca Rame, die er 1954 geheiratet hatte,
anfing volkstümliche Farcen zu schreiben, darunter:
"Erzengel flippern nicht" (1959), "Er hatte zwei Revolver und
schwarze und weisse Augen (1960), "Isabella, drei Karavellen
und ein Scharlatan" (1963), "Siebtens: Siehl ein bisschen weniger!" (1964), "Die Frau zum Wegschmeissen" (1967).
1967 löste Fo die Compagnia Dario Fo-Franca Rame, in der er
als Schauspieler, Regisseur und Autor gewirkt hatte, auf, er
kehrte dem "bürgerlichen Theater" den Rücken zu und gründete
die, der Kommunistischen Partei Italiens nahestehende Theater-
gruppe Nuova Scena, die in Case del Popolo, Fabriken und alternativen Spielorten auftrat. Aus Fos intensivem Studium
der italienischen Volkskultur enstand 1969 "Mistero Buffo",
sein bisher erfolgreichstes Stück, in dem er die Tradition
des mittelalterlichen guillare wieder aufleben liess. 1970
Gründung des Theaterkollektivs La Comune, deren Ziel es ist
unterhaltsames politisch-satirisches Volkstheater zu betreiben, ohne sich zum kulturellen Arm einer Partei instrumentalisieren zu lassen. Seither enstanden u.a. folgende
Stücke von und mit Dario Fo: "Zufälliger Tod eines Anarchisten" (1970), "Einer für alle, alle für einen!
Verzeihung, wer ist hier eigentlich der Boss?" (1971),
"Volkskrieg in Chile" (1973), "Bezahlt wird nicht" (1974),
"Nur Kinder, Küche, Kirche" (1977, zusammen mit Franca Rame),
"Geschichte einer Tigerin" (1979), "Hohn der Angst" (1981),
"Obszöne Fabeln" (1992), "Offene Zweierbeziehung" (1983, zusammen mit Franca Rame), "Zufällig eine Frau: Elisabetta" (1984), " Das erste Wunder vom Jesuskind" (1988), "Der Papst und die Hexe" (1989), "Ruhe, wir stürzen ab" (1991), "Johann von Po entdeckt Amerika" (1992), "Der Teufel mit den Titten" (1996). Wegen seiner politischen Tätigkeit wurde Fo mehrmals die Einreise in die USA verweigert. 1997 erhielt Dario Fo den Nobelpreis für Literatur.
HEINER MÜLLER 1929 geboren Eppendorf, 1995 gestorben in Berlin. Nach dem Krieg Arbeit in einer Bücherei und journalistische Tätigkeit. 1951 erster Entwurf von Kriegs-
und Naziszenen, die 1975 unter dem Titel "Die Schlacht"
gedruckt wurden. 1956 schrieb er, zusammen mit seiner Frau
Inge Müller, "Der Lohndrücker" und, zusammen mit Hagen Mueller-Stahl "Zehn Tage, die die Welt erschütterten". In den
folgenden Jahren Stücke über das Leben in der DDR: " Traktor" (1955-61), "Die Korrektur" (1957), "Die Umsiedlerin oder das Leben auf dem Lande" (1961), das nach der Premiere verboten wurde, "Der Bau" (1964), und "Die Bauern",eine Neufassung der "Umsiedlerin" (1964). 1966 enstanden drei Stücke:
"Philoktet", "Herakles 5", "Ödipus Tyran", nach Sophokles in
der Hölderlinschen Übersetzung. 1968 nochmals Auseinanderset-
zung mit einem antiken Stoff in "Prometheus". 1969 enstand, nach einem Hörspiel von Inge Müller, "Die Weiberbrigade". Von
1970-1976 freier Mitarbeiter am Berliner Ensemble. Auf der
Grundlage von Brechts "Die Massnahme" schrieb er 1970 "Mauser". 1971: "Germania Tod in Berlin", Szenen aus Deutschland. Immer wieder übersetzte und bearbeitete Müller Stücke von Shakespeare: "Macbeth" (1971), aber auch "Hamlet",
"Wie es euch gefällt", "Titus Andronicus", erschienen unter dem Titel "Anatomie Titus Fall of Rome Ein Shakespearekom-
mentar". 1972 "Zement" nach dem Roman von Gladkow. 1976 enstanden die preussischen Szenen " Leben Gundlings Friedrich von Preussen Lessing Schlaf Traum Schrei" und 1977 "Die Hamletmaschine". Brechts "Fatzer"-Fragment montierte er für eine Inszenierung von Manfred Karge und Matthias Langhoff 1978 in Hamburg neu. Nach Motiven einer Erzählung von Anna Seghers
verfasste er 1979 "Der Auftrag" und nach Choderlos de Laclos'
Roman "Gefährliche Liebschaften" 1980 "Quartett". "Verkommenes
Ufer Medeamaterial Landschaft mit Argonauten" erschien 1983,
"Bildbeschreibung" 1985 und "Wolokolamsker Chaussee I-V" 1987.
Kurz vor seinem Tod im Jahre 1995 meldete sich Müller noch
einmal mit einem neuen Stück zu Wort, "Germania 3 Gespenster
am toten Mann". In seinem 1993 veröffentlichten Text "Mommsens
Block" hatte Müller sein Schweigen als Dramatiker indirekt
thematisiert. Heiner Müller hat, hauptsächlich in seinen letzten Jahren, immer wieder als Regisseur, vor allem seiner
eigenen Stücke, gearbeitet. Von 1992 bis zu seinem Tod gehörte
er der Leitung des Berliner Ensembles an.
PETER STEIN 1937 in Berlin geboren. Studium der Kunstgeschichte, Studententheater, Dramaturgie- und Regieassistenz an den Münchner Kammerspielen, wo er Fritz
Kortner begegnete. Debütierte 1967 mit einer aufseherregenden
Inszenierung von Edward Bonds "Gerettet" in München. 1968 und
1969 zwei weitere Inszenierungen an den Münchner
Kammerspielen: Brechts "Im Dickicht der Städte" und Peter Weiss' "Vietnam-Diskurs", wo ihm gekündigt wurde, weil er mit den Schauspielern nach einer Vorstellung Geld für die vietnamesische Befreiungsfront sammeln wollte. 1969 inszenierte er am Bremer Theater Goethes "Torquato Tasso" als Schauspiel über einen "Emotionalclown". Anschliessend drei Regiearbeiten am Schauspielhaus Zürich: "Trauer zu früh" von Bond ( 1969), "Kikeriki" von Sean O'Casey (1969) und "Changeling" von Middleton/Rowley (1970). 1970
übernahm er mit dem Dramaturgen Dieter Sturm und (anfangs) dem Regisseur Claus Peymann die künstlerische Leitung der Schaubühne am Halleschen Ufer, das in den folgenden Jahren zum bedeutendsten Theater der Bundesrepublik werden sollte. Mit Brechts "Die Mutter" mit Therese Ghiese eröffnete Stein 1970 die neugegreundete Schaubühne. Es folgten Ibsens "Peer Gynt" an zwei Abenden (1971), Wischnewskis Revolutionsstück "Die optimistische Tragödie"(1972), "Kleists Traum des Prinzen
von Homburg", mit Botho Strauss als dramaturgischem Mitarbeiter (1972), Fleissers "Fegefeuer in Ingolstadt" (1972), Labiches "Sparschwein" (1973), das "Antikenprojekt I:
Übungen für Schauspieler" (1974), Gorkis "Sommergäste" (1975),
die Stein auch verfilmte, "Shakespeares Memory" (1976), Shakespeares "Wie es euch gefällt" (1977), zwei Stücke von Botho Strauss,"Trilogie des Wiedersehens" und "Gross und klein" (1978), Aischylos' "Orestie"(1980). Und im neuen Haus der Schaubühne am Lehniner Platz u.a.: Nigel Williams "Klassen Feind" (1981), Genets "Die Neger" (1983), Tschechows "Drei Schwestern" (1984), Racines "Phädra" (1987) und Bernard-Marie Koltès' "Roberto Zucco" (1990). Von 1991 bis 1997 Schauspieldirektor der Salzburger Festspiele, wo er mehrere Schauspiele und Opern inszenierte. Peter Stein hat auch immer wieder an der Oper gearbeitet und dort Masstäbe gesetzt, so z.B. bei Verdis "Othello" und "Falstaff", Debussys "Pélléas und Mélisande" und Bergs "Wozzeck". 1994 Neu-Inszenierung der "Orestie" in russischer Sprache am Moskauer Armeetheater 1988.
Goethe-Preis der Stadt Frankfurt am Main.
GEORGE TABORI 1914 geboren als Sohn eines jüdischen Journalisten in Budapest. 1932/33 Studium in Berlin, danach
übersetzer und Journalist in Budapest. 1936 Emigration nach London, wo er die britische Staatsbürgerschaft erwarb. Von
1939-1947 Mitarbeiter des englischen Geheimdienstes, Auslands-
korrespondent in Bulgarien, der Türkei und dem Nahen Osten
und Mitarbeiter der BBC. 1947 Übersiedlung in die USA, wo
er als Schriftsteller und Drehbuchautor arbeitete und Bertolt
Brecht kennenlernte, durch den er ans Theater kam und von dem
er mehrere Stücke ins Amerikanische übersetzte. 1952 Inszenierung des ersten Theaterstücks von Tabori, "Flight into
Egypt", von Elia Kazan in New York. Es folgten weitere Stücke
und Filmdrehbücher für Alfred Hitchcock, Anatol Litvak, Joseph Losey u.a. Eigene Theaterinszenierungen ab 1956 in New York. Mitglied des Actor's Studio und 1966 Gründung einer freien Theatergruppe in New York. 1968 wurde sein Theaterstück über Auschwitz, "Die Kannibalen" in New York und ein Jahr später in Berlin gespielt. Übersiedlung nach Deutschland im Jahre 1971
und Auffführung des Anti-Vietnam-Stücks "Pinkville" in Berlin.
Ab 1972 arbeitete Tabori als Regisseur und Autor von Stücken,
Hörspielen und Prosatexten in Tübingen, Bonn und Bremen.
1975-1979 Gründung eines "Theaterlabors" in Bremen, wo er u.a. "Die Troerinnen" des Euripides, "Sigmunds Freude", nach Fritz Perls Gestalttherapie, "Der Hungerkünstler", nach Kafka und das eigene Stück "Talk Show" inszenierte. 1979 Uraufführung seines autobiographischen Stücks über seine Mutter "My Mother's Courage". Es folgten "Jubliäum" (1983), "Peepshow" (1984), "M", nach Medea von Euripides (1985), "Mein Kampf" (1987), "Weissmann und Rotgesicht" (1990), "Babylon-Blues (1991), "Unruhige Träume" (1992) und "Der Grossinquisitor" (1993). Tabori hat mehrmals Texte von Beckett inszenierte, seine Version von "Warten auf Godot" erlebte 1984 einen triumphalen Erfolg an den Münchner Kammerspielen. Neben seinen eigenen Texten inszenierte er auch immer wieder Texte zeitgenössischer Autoren. Von 1987-1990 leitete er in Wien ein Theater, "Der Kreis". 1992 erhielt George Tabori den Büchner-Preis.
MICHEL VINAVER 1927 geboren in Paris. Studium der Geisteswissenschaften in Paris und in Middletown (USA).
Von 1953 bis 1980 Manager in einem multinationalen Konzern.
Nach einem erfolgreichen Debüt als Romancier ("Lataume", 1950
und "L'objecteur", 1951), Hinwendung zum Theater. Sein erstes
Stück, "Die Koreaner" wurde 1956 von Roger Planchon uraufgeführt und später von der Neuen Bühne Frankfurt in der
Regie von Karlheinz Braun nachgespielt. 1958 schrieb er
"Les Huissiers" und 1960 "Hotel Iphigenie", in denen Vinaver dem Niederschlag der grossen politischen Ereignisse im
Leben der "kleinen Leute" nachspürt. Diese beiden Stücke wurden jedoch erst mit grosser Verspätung inszeniert: "Hotel
Iphigenie" im Jahre 1977 von Antoine Vitez, "Les Huissiers"
im Jahre 1980 von Gilles Chavassieux. Während zehn Jahren
schrieb Vinaver keine Stücke mehr, ehe er 1969 mit "Über
Bord" wieder zum Theater zurückkehrte. Planchon inszenierte
das Stück von einer Spieldauer von acht Stunden und mit fünfzig Figuren vier Jahre später in einer gekürzten Version.
1973 erschien "Die Arbeitssuche" und 1978 unter dem Titel
"Théâtre de Chambre" "Dissident, das ist klar" und "Nina,
das ist was anderes". "Arbeiten und Leben" wurde 1979 von
Alain Françon aufgeführt und "A la Renverse" 1980 von Jacques
Lassalle. "Flug in die Anden" 1983 von Françon mit dem
Autor als Co-Regisseur inszeniert, wurde in München dann in
Regie von Arie Zinger nachgespielt. 1986 erhielt Vinaver den
Ibsen-Preis für "Die Nachbarn". 1990 wurde sein Stück "Die
Fernsehsendung" in einer Inszenierung von Jacques Lassalle
am Théâtre National de Strasbourg uraufgeführt. Vinaver hat
auch immer wieder Stücke anderer Autoren fürs Theater übersetzt und bearbeitet: 1959 Thomas Dekkers "Das Fest des Schusters", 1980 Nicolai Erdmans "Der Selbstmörder", 1982 Maxim Gorkis "Die Sommergäste", 1992 Botho Strauss' "Die Zeit und das Zimmer" (Inszenierung Patrice Chéreau). 1983 wurde er Gastdozent am Theaterwissenschaftlichen Institut in Paris,
er ist auch Autor theoretischer Schriften übers Theater
(Ecrits sur le théâtre) und hat 1987 unter dem Titel
"Le Compte rendu d'Avignon" eine wichtige Untersuchung zur
Situation des Dramatikers und des Buchmarkts für Theaterstücke
in Frankreich veröffentlicht.
PETER ZADEK 1926 in Berlin geboren. Emigration mit den Eltern
nach England, Studium in Oxford und später an der Old Vic
Schule für Regie in London, wo Zadek auch seine ersten Inszenierungen machte: Wildes "Salomé" und T.S. Eliots "Sweeney Agonistes" im Jahre 1946. 1957 Uraufführung von
Genets "Der Balkon" in London. 1958 Übersiedlung nach Deutschland. 1960 von Kurt Hübner ans Ulmer Theater engagiert,
wo er Peter Palitzsch und Wilfried Minks begegnete. Seine
Inszenierung von Brendan Behans "Die Geisel" wird 1961 als
"Aufführung des Jahres" gefeiert. 1963-1967 Schauspieldirektor
des Theaters der Freien Hansestadt Bremen. Aufseherregende
Inszenierungen enstanden während dieser Zeit, u.a. "Held Henry" (1964), eine antiheroische Fassung von Shakespeares "Heinrich V", Wedekinds "Frühlingserwachen" (1965), Schillers "Räuber" (1965), in einem Pop-Bühnenbild von Minks, Shakespeares "Mass für Mass" (1967). Von 1967-1970 folgten Gastinszenierungen in Wuppertal, Stuttgart, Berlin und München: "Der Pott" (1967), nach O'Caseys "Der Preispokal", Tschechows Kirschgarten" (1968), Bonds "Gerettet" (1968) und "Schmaler Weg in den tiefen Norden" (1969). 1972-1977 Intendant in Bochum. Zu den wichtigsten Inszenierungen dieser Jahre zählen Shakespeares "Der Kaufmann von Venedig" (1972), "König Lear" (1974), "Othello" (1976), "Hamlet" (1977), Falladas "Kleiner Mann,was nun?" (1972), Tschechows "Möwe (1973), Ibsens "Wildente"(1975) und "Hedda Gabler" (1977). 1978-1985 Arbeit als freier Regisseur in Hamburg, Berlin und München, wo er u.a. Shakespeares "Das Wintermärchen"
(1978), Enzensbergers "Molières Menschenfeind" (1979),
"Jeder stirbt für sich allein", nach Fallada (1981), "Bau-
meister Solness" (1983), Lorcas "Yerma" (1984), Sobols
"Ghetto" (1984) inszenierte. Von 1985-1989 Intendant am Deutschen Schauspielhaus Hamburg. Während dieser Zeit inszenierte Zadek Websters "Die Herzogin von Malfi" (1985),
"Wie es euch gefällt" (1986), das Musical "Andi" (1987),
"Wedekinds "Lulu" (1988), "Der Kaufmann von Venedig (1988).
Danach wieder freier Regisseur und grosser Erfolg mit
Tschechows "Iwanow" in Wien (1990). Von 1993-1995 einer der Leiter des Berliner Ensembles, an dem er "Das Wunder von Mailand", nach einem Film von Vittorio de Sica, Brechts "Der Jasager und der Neinsager" und Shakespeares "Antonius und Kleopatra" inszenierte. 1995 Inszenierung von Tschechows "Kirschgarten" am Wiener Burgtheater, 1996 "Alice im Wunderland", nach Lewis Caroll und 1997 Shakespeares "Richard der Dritte" an den Münchner Kammerspielen. Peter Zadek drehte auch mehrere Kino- und Fernsehfilme, u.a. "Ich bin ein Elefant, Madame" (1968), "Rotmord" (1969), "Piggies" (1970), "Eiszeit" (1974), "Die wilden Fünfziger" (1982) und zuletzt fürs Fernsehen die Direktübertragung seiner Inszenierung von Harold Pinters "Moonlight" (1996).
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