GUY HELMINGER

Rost



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Auszug
Rost Die Geschichte von Harald Rost ist eine merkwürdige. Vor allem deshalb, weil sie vielen von uns Anlaß zur Spekulation gab. Besonders das Ende scheint uns, die wir ihn kannten und sahen, wenn auch nur flüchtig und im Vorübergehen, recht unwirklich, ja geradezu nicht von dieser Welt. Oder vielleicht doch, aber dann auf eine traurige und demütigende Weise.

Harald Rost hatte es schwer, solange er lebte.
Als Schmied, der letzte in dieser Gegend, verdiente er vor allem zum Ende seines Lebens hin wenig, denn keiner der Bauern im Umkreis, die früher zu seinen Kunden gezählt hatten, besaß noch Pferde, stämmige Ackergäule, die den Pflug zogen. Sie hatten sich Traktoren angeschafft, hängten breite Stahlzähne daran und rissen damit die Erde auf. Von Traktoren aber verstand Harald Rost nichts. Und selbst wenn er gewußt hätte, wie die Motoren zu reparieren gewesen wären, hätte kaum einer der Bauern den Weg durchs Dorf eingeschlagen, um schließlich seine Schmiede zu betreten. Es gab moderne Werkstätten, eine im Dorf, unweit von Rosts Schmiede, und sogar zwei im nächsten Dorf. Harald Rost gehörte der Vergangenheit an. Und wenn man es genau bedenkt, hatte er nie eine Zukunft gehabt. Die Leute gingen früher zu ihm, weil es niemand anderen gab, der die Pferde beschlug oder kleine Eisenarbeiten übernahm, aber eigentlich nahmen sie ihn bereits in jenen Tagen nicht für voll.

Harald Rost tat sich schwer mit Zahlen. Er sprach sie, wenn überhaupt, nur zögernd aus, als ob ihnen etwas Magisches anhing. Wenn ein Kunde ihn fragte: "Was macht das?", wiegte er den Kopf hin und her, so als überlege er, rechne zusammen, aber er kam zu keinem Ergebnis. Der Kunde wartete, blickte Rost erwartungsvoll an, aber der Schmied wiegte nur ununterbrochen den Kopf und schwieg.
So etwas spricht sich schnell herum im Dorf, und die Bauern fragten ihn bald nicht mehr, was seine Arbeit kosten sollte, sondern legten ihm einfach eine mehr oder weniger große Summe, die sie für angebracht hielten, auf den Amboß und gingen. Natürlich gab es auch diejenigen, die sich entfernten, ohne zu bezahlen, aber die meisten versuchten ehrlich zu sein, und so behielt Rost seine Zahlen im Kopf und wurde doch bezahlt.

Man sprach nicht viel über Harald Rost, aber die Dorfgemeinschaft war sich darin einig, daß ihr Schmied geistig zurückgeblieben und eine vernünftige Plauderei mit ihm folglich nicht zustande zu bringen sei. So stand Rost abends immer allein an der Theke der Dorfkneipe «Zur Linde» und trank. Er suchte sich, gleich nachdem er die Schänke betreten und seine Unterarme auf das Holz des Tresens gestemmt hatte, einen Fixpunkt für seinen Blick aus - meistens eine Lücke zwischen den Schnapsflaschen auf dem Bord hinter der Theke, aus der eine Spiegelscherbe einen winzigen Teil der Kneipe hinter ihm verschwommen wiedergab - und blieb dort stehen, bis der Wirt kurz nach Mitternacht auf ihn zukam und ihm die Rechnung brachte. Sobald der Wirt die zu bezahlende Summe aussprach, zuckte Rost kurz zusammen, schob aufgeregt die Augäpfel hin und her, als jongliere er mit der freigelassenen Zahl in seinem Kopf, suchte dann das Geld zusammen und ging. So verbrachte Harald Rost seine Tage und Abende wortlos. Nur manchmal, wenn einige Kneipengäste in angetrunkenem Zustand sich einen Spaß daraus machten, ihren Schmied zu reizen und nur in Zahlen miteinander redeten, dann konnte es vorkommen, daß Rost plötzlich ganz aufgeregt wurde und völlig unverständliches Zeug redete.
"Hast du die 15?" fragte einer, und ein anderer sagte: "Nein, aber 4 und dann die 3, nicht zu vergessen die 7 macht 14."
"Ich sag 15", konterte der erste, worauf sich der dritte einmischte und die 127 preisgab.
"Auf keinen Fall die 127, wenn, dann die 154."
"Das war die 68, ganz klar", meldete sich der zweite wieder.
Und plötzlich konnte man sehen, wie Harald Rost zu zittern begann, als spielten alle Zahlen verrückt in seinem Kopf, als liefen sie Amok. Sein Hals schien sich zu versteifen, sein Schädel vibrierte, während sein Mund halb offen stand. Etwas schien in ihm nach außen zu drängen, explodieren zu wollen. Er atmete schwer, stieß laut die verbrauchte Luft über die Theke.
Dann sagte er: "Nein! Nein!"
Seine Stimme war schrill. Man konnte die Angst darin mitschwingen hören. Jedesmal stieß er dieses "Nein! Nein!" aus, ehe er nach einer kurzen Pause weitersprach oder es zumindest versuchte. Die angetrunkenen Männer grinsten und schauten ihm zu, wie er sich wand. Dann warfen sie weitere Zahlen in den Raum.
- 1736
- 3569
- 489275
- 45
- 0
Rost sah aus wie ein Ballon, der am Holz der Theke befestigt war und in einem Warmluftstrom zitterte.
Wieder sagte er laut: "Nein! Nein!", holte kurz Atem und stieß
unvollständige Sätze ins Flaschenbord.
"Im Greis.... gerissen.... dann für.... die Apfelsine.... In der Stadt.... städtisch.... rot.... wie Eisenfunken.... Schlagflammen.... was das.... und.... gehämmert.... Haarbürsten.... und ihr sagt.... von...."
Die Männer lachten.
Rost steigerte sich in einen Wortschwall hinein, verteilte Satzfetzen an die Zuhörer, zitterte vor sich hin, bis ihn die Kraft verließ und er in sich zusammensackte. Abgeschlafft und einige Zentimeter kleiner hielt er sich an der Theke fest, aber bald schon machte er an solchen Abenden dem Wirt mit seiner Brieftasche ein Zeichen, und der Wirt, sei es aus Mitleid, sei es aus Angst, flüsterte ihm kaum hörbar den Betrag zu. Rost bewegte daraufhin langsam und unsicher seine Augäpfel und verließ erschöpft die Gaststube.

Dieses gewohnte Bild änderte sich an jenem Tag, als ein Bauer aus dem Dorf mit seinem Gaul die Schmiede betrat und dort neben Rost auf dem langen Amboß sitzend eine rothaarige Frau antraf. Sie war äußerst hübsch und tat vertraut mit Rost, und während dieser das Pferd beschlug, saß die Frau in der Nähe, bündelte ab und zu ihr langes rotes Haar im Nacken und beobachtete mit dunklen stechenden Augen den Kunden. Der Bauer fühlte sich unbehaglich, hörte den pfeifenden Atem der Frau und spürte, daß sich etwas verändert hatte in diesem Gemäuer. Er hätte nicht sagen können, was es war, aber seine Sicherheit, mit der er diesen Ort bislang betreten hatte, war verschwunden. Er sah, wie Harald Rost sich am Huf des Tieres zu schaffen machte, und zum ersten Mal dachte er daran, daß der Schmied sein Handwerk verstand. Rost mochte zurückgeblieben sein, aber er war ein guter Schmied.
Nachdem die Arbeit getan war, wollte der Bauer schnell etwas Geld auf den Amboß legen und forteilen, aber die Frau, die bis dahin nichts gesagt hatte, nahm ihm die Scheine aus der Hand, zählte nach und sagte: "Das reicht nicht."
"Was?" sagte der Bauer ungläubig und fühlte, wie er in den schwarzen Höhlen dieser Augen zu Fall kam.
"Legen Sie noch einen Schein drauf und wir sind quitt", sagte die Frau und sah ihn mit einer Selbstverständlichkeit an, die ihn vollends aus der Fassung brachte. Der Bauer zahlte, ergriff die Zügel seiner Mähre und ging. Natürlich wußte abends das ganze Dorf, daß nachmittags bei Rost eine Frau gewesen war, die ohne Rücksicht auf sein Zittern Zahlen aussprach und vom Kunden einen festen Preis verlangte. Man fragte sich, wer die Frau sein mochte, die offensichtlich viel jünger als Rost war und so hübsch dazu. Der Schmied hatte das Dorf doch gar nicht verlassen, wie konnte er da jemanden kennenlernen? Auch der Postbote verneinte die Frage, ob der Schmied in letzter Zeit Briefe erhalten habe.
Das Dorf stand vor einem Rätsel.
An diesem Tag wurde mehr über Rost geredet als in den fünfzig Jahren seines bisherigen Daseins. Und die «Linde» war an diesem Abend so voll wie sonst nur bei ausgesuchten Feierlichkeiten wie Allerheiligen oder Ostern. Aber solange die Gäste auch warteten und tranken, an diesem Abend kam Rost nicht in das Gasthaus. Es war in all den Jahren das erste Mal, daß der Schmied nicht an der Theke stand, und es schien, als fehle etwas dort neben dem Hocker, ein Stück Inventar, das man plötzlich beiseite geräumt hatte.
Dies geschah in einer Zeit, als das Dorf im Umbruch war. Änderungen standen jedem Haushalt bevor; man hatte jeden Tag andere Sorgen, mußte rechnen, ob die neuen Investitionen sich rentieren würden. Knechte wurden entlassen, mehr und mehr Traktoren furchten über die Felder, und so geriet die Frau an Rosts Seite, die an jenem Tag ihres Erscheinens eine regelrechte Sensation gewesen war, immer mehr in Vergessenheit, je alltäglicher ihre Präsenz auf den Straßen des Dorfes wurde. Sie ging einkaufen wie alle Frauen, pflegte ihr Äußeres, redete mit allen und integrierte sich schnell. War man am Anfang noch der Meinung gewesen, die Frau sei viel zu jung und zu hübsch für den verrückten alten Kauz, so kam man schon bald zu der Ansicht, daß die Rothaarige einen positiven Einfluß auf Rost hatte. Endlich waren die finanziellen Angelegenheiten des Schmiedes in wenn auch strengen, so doch vernünftigen Händen, was wichtig war, wo doch das Hufeisengeschäft nicht gerade florierte, und dann schien Rost selbst ebenfalls ruhiger geworden zu sein.
Wie man zu letzterer Erkenntnis gelangte, ist schwer zu erklären, denn seit die Frau an Rosts Seite Rechnungen an die spärlichen Kunden verschickte - sie verschickte sie tatsächlich mit der Post - und nicht mehr direkt in der Schmiede bezahlt wurde, hatte kaum noch jemand ihn außerhalb seines Arbeitsplatzes gesehen. Er kaufte nicht mehr ein, auf den Straßen des Dorfes spazierte er nie und auch sein Platz in der «Linde» blieb verwaist.

"Du gehst nicht saufen", schrie die Frau, und ihre dunklen Augen stießen ihn gegen die Rückenlehne des Stuhls. Rost wollte sich wehren, aber ihre Gestalt hing drohend über ihm und ballte die Faust. Rost wußte, daß sie mit Sicherheit nicht so stark war wie er - das Hämmern hatte seine Arme breit und muskulös gemacht - aber von ihr ging eine andere Kraft aus, eine Befehlsgewalt, der er sich fügen mußte. Er rutschte unruhig auf seinem Stuhl hin und her, und sein Mund wurde trocken. Er spürte, wie sein Gaumen sich zusammenzog, das Fleisch zwischen den Backenzähnen sich spannte. Er hatte Durst.
"Ich habe Durst", sagte Rost mit heiserer Stimme.
"Der Hahn ist voll Wasser", sagte die Frau und bündelte ihr langes rotes Haar im Nacken.
Rost tat sich schwer damit, seine Gewohnheiten zu ändern, aber so oft es ihm in den folgenden Wochen auch in den Sinn kam, sich einfach über das Verbot der Frau hinwegzusetzen und in alter Tradition Schnaps in sich zu gießen, so traute er sich doch nie abends, den Weg in die «Linde» einzuschlagen. Er saß im Wohnzimmer und dachte an die Lücke zwischen den Flaschen auf dem Bord hinter der Theke, die Lücke, die er sich ausgesucht hatte. Seine Zunge bewegte sich pelzig in ihrer Höhle. Und die Zeit kroch so langsam wie noch nie der Nacht entgegen. Rost blickte auf seine Hände, schaute sich im Wohnzimmer um, beobachtete die Frau, die auf dem Sofa saß und in einem Buch las. "Beschäftige dich und glotz nicht in der Gegend herum", sagte sie, ohne von ihren Seiten aufzublicken.
Rost senkte seine Augen auf den Fußboden.

Morgens, wenn er in die Küche kam, war es kalt. Das Gemäuer war feucht, und sein Herz fühlte sich klamm an. Die Frau saß bereits am Frühstückstisch und richtete ihre schwarzen Augen auf ihn.
"Auch schon auf?" sagte sie.
Rost schwieg. Er frühstückte wenig und nahm ab. Er war nie dick gewesen, eigentlich sogar zu schmächtig für einen Schmied, aber das war nie jemandem aufgefallen, da er kräftige Arme besaß. Mit den Jahren aber wurde Rost hager, sah ausgezehrt aus, wenn er nach dem Frühstück den Weg in seine Schmiede einschlug, und die wenigen, die ihm dann und wann über den Weg liefen, erschraken über dieses knochige Gesicht, das über einem zu langen Hals dem Amboß zupendelte. Aber niemand fragte Rost, wie es ihm gehe, keiner kam zu ihm, um sich nach seinem Befinden zu erkundigen. Wenn einer die Tür öffnete, dann hatte er Eisenteile dabei, die gerichtet werden mußten, oder eine Idee im Kopf für eine kleine Konstruktion. Da die Rechnung jeweils nach Hause kam, woran man sich im Dorf auch nach Jahren nie ganz gewöhnen konnte, blieb den Kunden bei Ankunft und Abschied nicht viel zu sagen außer "Hallo" und "Mach `s gut". Zahlen sprach niemand mehr aus in Rosts Gegenwart.

Niemand mehr mit Ausnahme der Frau.
Sie konnte abends plötzlich aus welchem Grund auch immer ihre Brauen zusammenziehen und ihn drohend ansehen. Ihre Augen rutschten dann noch tiefer in die Höhlen, und ihr hübsches Gesicht, aufgerissen durch diese zwei tiefdunklen Krater, wirkte wie eine Totenmaske. Rost kannte dieses langsame Nach-Innen-Rutschen der Brauen, und sobald er die ersten Anzeichen dieser Gesichtsverzerrung bei der Frau wahrnahm, begann sein Herz zu hämmern, als arbeite es an einem Gesellenstück. Sein Atem ging schneller, er hatte das Gefühl, daß seine Ohren sich spannten, und dann hörte er auch schon die Zahlen, die auf ihn niederpeitschten. "5...8....0...23...677...2...259...1...1...1...4...56...8...79...5...5...6...7" Er sah, wie die Frau ihre Lippen zusammenpreßte; die Zahlen zischten hervor, während ihr Gesicht sich ihm bedrohlich näherte.
Sein Gehirn spielte verrückt, er dachte, sein Kopf müsse platzen. Sekündlich kamen neue Zahlen. Rost wußte nicht, wohin damit. Hinter seiner Stirn war kein Platz mehr. Die Schädeldecke schmerzte. An den Schläfen wölbten die Zahlen seine Haut. Er hielt sich die Ohren zu, aber die Frau riß an seinen Armen, und die Zahlen drangen ein. Er warf sich zu Boden, schlug seinen Kopf gegen die Latten. Immer wieder krachte seine Stirn gegen das Holz. Die Zahlen taumelten. Die Frau stand über ihm und hörte nicht auf, bis er weinte. Dann blies sie verächtlich ihren aufgeheizten, pfeifenden Atem in die Stube, und langsam schwammen die Zahlen auf der salzigen Flüssigkeit aus seinem Kopf. Wenn er vom Boden aufstand, saß die Frau bereits wieder auf dem Sofa und las. Rost wußte nicht, warum die Frau ihn strafte. Sie konnte freundlich lachen und ihm im nächsten Moment eine Zahl an den Kopf werfen. Er war sich nie sicher, wann ihre Brauen zu wandern begannen, aus welchem Grund sie sich verschoben. Er sah die Veränderung in ihrem Gesicht und wußte, daß es bereits zu spät war, sich in Sicherheit zu bringen.
Rost hatte Angst.

Tagsüber blieb er in der Schmiede und wartete auf Kunden. Oft sprach er stundenlang mit niemandem, ging vom lodernden Feuer zu einem Haufen aus Eisenresten und wieder zurück oder saß auf dem Amboß und blickte auf die geschlossene Tür. Es war schummrig in der Schmiede. Zwar waren große Fenster in das Gemäuer eingelassen worden, meterhohe Rundbögen wie bei einer Kirche, aber das Glas war von Ruß und Staub so verdreckt, daß das Licht nur milchig ins Innere drang. Rost war das ganz recht. Niemand konnte in die Schmiede sehen, ohne die Tür zu öffnen und sich selbst sichtbar zu machen. Er fühlte sich sicher hier und wärmte sich die Hände am Feuer. Auch die Frau konnte nicht plötzlich hinter ihm stehen mit gewitterigen Brauen und blitzenden Zahlen. Zumindest dachte Rost das, bis die Frau eines Tages neben ihm stand.
Rost hatte sie nicht kommen hören; kein Lichtstrahl war durch den Türschlitz gedrungen und hatte für kurze Zeit den Boden der Schmiede erhellt. Er hatte nicht geschlafen. Und doch preßte die Frau ihre Lippen zusammen, und Rosts Herz verkrampfte sich.
"Was hast du mir für einen Blödsinn erzählt?!" zischte die Frau und wedelte mit einer Rechnung vor seinem Gesicht. Rost blickte sie an und wußte nicht, was sie wollte. Sie war es, die die Rechnungen schrieb. "Wie stehe ich denn da, wenn alle Welt glaubt, ich berechne Dinge, die du nie gemacht hast!" schrie die Frau, und Rost begann zu zittern, denn er glaubte bereits die erste Zahl in ihrem Mund zu ahnen. Statt dessen spürte er mit einem Mal ihre flache Hand im Gesicht, dann das Papier der Rechnung, dann wieder ihre Hand. Sie schlug ihn. Sie schlug ihn mit beiden Händen. Rost legte schützend seine Arme übers Gesicht. Er hörte die Frau schreien, ihre Hände trafen seinen Kopf, seine Arme. Dann begann sie eine Zahl zu schreien.
"250", schrie sie; immer wieder "250!"
Die Zahl vervielfachte sich, stieß Rosts Arme zur Seite, drang in seine Ohren, in seinen Kopf. Ihre Hände trafen sein Genick. Er glitt langsam zu Boden.
Aber plötzlich war da eine andere Stimme.
"Hören Sie auf!" sagte die Stimme.
Zuerst sagte sie es leise, als ringe sie nach Fassung, als müsse sie das eigene Erstaunen überwinden, dann wurde sie bestimmender, und schließlich griff sie ein.
"Kümmern Sie sich um ihre Angelegenheiten", schrie die Frau. Rost spürte nichts mehr. Die Zahl raste noch durch seinen Kopf, sah sich in unzähligen Spiegeln; aber langsam beschlug das Glas der Spiegel und die Zahl beruhigte sich, schlitterte noch einige Male hin und her und rutschte wieder aus dem Ohr hinaus ins Unausgesprochene.
Der Mann sagte: "So schlimm ist das doch nicht. Jeder kann sich verrechnen." "Ich verrechne mich nicht", sagte die Frau, "ich bin darauf angewiesen, daß der Trottel mir abends sagt, was er gemacht hat, verstehen Sie!?" Rost linste zwischen seinen Armen hervor. Er kannte den Bauern. "Gehen wir hier raus", sagte die Frau.
Der Mann folgte ihr.
Rost war allein.

Begegnete Rost in der folgenden Zeit auf seinem Weg zur Arbeit jemandem aus dem Dorf, konnte er im jeweiligen Gesicht etwas wahrnehmen, das er nicht kannte, das ihm aber gefiel. Die Augen der Personen schienen freundlicher, wenn sie ihn grüßten, ein merkwürdiger Glanz überzog sie. Ihre Stimmen waren deutlich und nicht grummelnd wie sonst. Ein klares "Guten Tag", begleitet von einem Nicken, empfing ihn. Ja, schon von weitem konnte er manchmal hören, wie die Leute ihre Kehlen durch ein leises Hüsteln reinigten, um ihn dann, auf gleicher Höhe angekommen, zu grüßen. Dabei tänzelte ein verständnisvolles Lächeln um ihre Mundwinkel. Rost mochte das, und oft schlenderte er morgens extra langsam zur Schmiede, um so die Chance, jemanden aus dem Dorf zu treffen, zu steigern. In der Schmiede angekommen, setzte er sich dann auf den Amboß und rief sich den Gesichtsausdruck des oder der Grüßenden wieder ins Gedächtnis. Er zeichnete im Kopf die freundlichen Züge nach, und hätte in jenen Stunden jemand von außen das rußige Gemäuer betreten, er hätte Rost seltsam lächelnd vorgefunden.

Während Harald Rost so die Vor- und Nachmittage verbrachte, dachte er selten an die Frau in seinem Haus. Er hatte keine Ahnung, was sie den ganzen Tag ausheckte, wußte nur, daß sie immer geschäftig tat und war froh, ihr aus dem Weg gehen zu können. Denn abends, wenn Rost nach Hause ging, schnürte sich ihm schon auf dem Weg die Kehle zusammen. Sein Magen schrumpfte, und sein Hunger verflog. Er betrat die Küche und hörte bereits ihren Atem, der aus dem Wohnzimmer pfiff. Ihm schien dieses schleifende Geräusch von Tag zu Tag lauter zu werden, als schmirgele jemand unebene Flächen ab. Dann sah er sie, wie sie ihr langes rotes Haar im Nacken bündelte, und hatte Angst. Es war nur eine Frage der Zeit, wann sie gemein werden würde, das wußte Rost und setzte sich lautlos auf einen Stuhl.
Noch sagte sie nichts.

Eines Abends kam Rost nach Hause, und die Frau war nicht da. Zuerst setzte er sich ins Wohnzimmer auf seinen Stuhl und wartete, aber die Frau kam nicht. Rost ging in die Küche, dann ins Schlafzimmer. Die Wohnung war leer. Sein Herz schlug schneller, aber er traute sich nicht, sich zu freuen. In seinem Kopf lachte es, Menschen schnitten Grimassen; irgendwo spielte Musik. Eine Stimme forderte ihn auf zu tanzen. Rost blieb vorsichtig. Würde er ausgelassen herumspazieren, würde sie ihn wochenlang mit Zahlen quälen. Er mußte aufpassen. Aber die Frau tauchte an diesem Abend nicht mehr auf. Und auch als Rost endlich eingeschlafen war und seine Träume hinter sich gelassen hatte, auch als das Licht am anderen Morgen zwischen die Vorhänge sprang, seinen Strahl unter Rosts Augen schlenzte und er aufwachte, war niemand im Haus. Rost frühstückte in aller Ruhe, hatte großen Appetit, aber gleichzeitig ein schlechtes Gewissen. Er machte sich auf den Weg in die Schmiede und lief den ganzen Tag aufgeregt hin und her. Um sich zu beruhigen, hämmerte er nutzlose Eisenteile flach, nachdem er sie rotglühend von der Feuerstelle genommen hatte. Dann wanderte er wieder von einer Wand zur anderen und zurück. Gegen Abend verschloß er die Tür und ging schneller als sonst den Weg hoch zu seinem Haus. Bereits von weitem sah er das Licht im Wohnzimmer brennen. Wie eine Nadel stieß die Helligkeit in seine Augen. Hatte er heute morgen die Lampe brennen lassen. Nein, er war gar nicht im Wohnzimmer gewesen. Vielleicht brannte sie noch von gestern abend. Womöglich war er zu aufgeregt gewesen, um an den Schalter zu denken. Er öffnete die Tür, und der Geruch von Rauch zog in seine Nase. Rost hustete und betrat die Küche.
"Früh Feierabend", schrie die Frau aus dem Wohnzimmer.
Rost schluckte. Sein Hals war völlig trocken. Er hatte das Gefühl, alles klebe ihm zusammen, der Gaumen, die Zunge, der Kehlkopf. Da war kein Speichel mehr, und doch hatte er das Bedürfnis, etwas hinunter zu schlucken. Sie saß auf dem Sofa, vor sich auf den übereinander geschlagenen Beinen einen Aschenbecher, der von zerquetschten Zigarettenstummeln überquoll, und rauchte.
"Du rauchst?" entfuhr es Rost mit kaum hörbarer Stimme. Und im selben Augenblick wußte er, daß diese Frage falsch gewesen war. "Geht das dich `was an", sagte die Frau und griff ihm mit ihren schwarzen Augen ins Gesicht. Rost setzte sich und schwieg. Die Frau blies Rauchschwaden in den Raum, begleitet von einem unaufhörlichen Raspeln und Pfeifen. Dann bemerkte Rost auf dem Boden neben dem Sofa eine Photographie. Er sah sie nicht ganz, nur etwa die Hälfte, die hinter der Stofflehne hervorlugte, aber er sah, daß es eine große Photographie war, mindestens so hoch wie sein Unterarm und seine Hand zusammen. Auf hellem Hintergrund schimmerte ihr rotes Haar. Erst jetzt fragte sich Rost, wo die Frau wohl gewesen war, was sie gemacht hatte? Nicht daß er es wirklich hätte wissen wollen, aber es war neu, daß sie über Nacht wegblieb. Rost kannte das nicht von ihr. Und jetzt, da sie wieder da war, beunruhigte es ihn. Nichts Gutes konnte davon kommen. Er sah sie verstohlen von der Seite an. Sie war älter geworden. Innerhalb einer Nacht und eines Tages schien sie um Jahre gealtert. Was war passiert? Hatte jemand Ziffern an ihr ausprobiert? Zahlen auf sie gehetzt, sie bestraft? Rost versuchte nachzudenken. Ihr Atem schliff über die Wände des Wohnzimmers, trieb die Rauchschwaden zusammen.
Rost wartete, aber nichts passierte.
Die Frau schien müde zu sein, hing erschöpft im Sofa und zündete sich eine Zigarette nach der anderen an. Rost traute sich nicht, die Fenster zu öffnen, obwohl die Luft immer stickiger wurde. Er saß auf seinem Stuhl und wußte nicht, ob er zu Bett gehen oder noch warten sollte. Worauf warten? Daß sie ihn schlug, ihm Zahlen gab. Er blickte auf die Frau. Ihre dunklen Augen waren hinter den Lidern versteckt, ihr Kopf leicht nach vorn gebeugt. War sie eingeschlafen? In ihrer rechten Hand brannte noch die Zigarette. Rost faßte seinen Mut zusammen und stand lautlos auf. Der Stuhl machte ein kratzendes Geräusch. Rost hielt inne. Nein, sie bewegte sich nicht. Nur ihr Atem pfiff über den Tisch. Lautlos schlich Rost durchs Wohnzimmer auf die Tür zur Küche zu. Er traute sich nicht, die Frau noch einmal anzusehen. Seine Füße bewegten sich langsam über den Holzboden. Dann spürte er einen brennenden Schmerz an seiner rechten Hand. Rost schrie. Die Frau sah ihn von unten mit ihren Höhlen an und lachte leise vor sich hin. Ihr Atem rasselte dabei, als bestehe ihr Hals aus unzähligen Teilchen, die wild hin- und hersprangen. Sie nahm einen Zug von ihrer Zigarette. Rost lief in die Küche, drehte das Wasser auf und hielt seine Hand unter den kühlen Strahl. Brandblasen zeigten sich oberhalb des Mittelfingers. Er biß sich auf die Unterlippe, nicht um den Schmerz zu lindern - den kannte er vom Feuer aus der Schmiede - nein, er mußte sich zusammenreißen, um nicht loszuheulen, nicht im Spalt ihrer Augen zu versinken, nachdem er sich so viel Hoffnung gemacht hatte.

In der Nacht zog der Rauch bis ins Schlafzimmer. Rost preßte sich das Laken auf die Nase, aber er konnte kaum schlafen. Wenn er kurz einnickte, schossen pfeifend Feuerzungen aus einem schwarzen Spalt und leckten ihm das Gesicht, bis er aufschreckte. Er schwitzte, wälzte sich hin und her. Die Nacht wollte nicht enden.

Als es Morgen wurde, fühlte Rost sich hundeelend. Er stieg in seine Kleider und betrat die Küche. Kalter Rauch spannte dünne Fäden von Wand zu Wand. Er füllte Wasser in einen Topf und stellte ihn auf den Herd. Dann fiel ihm die Stille auf. Er horchte. Nichts. Kein Atem zu hören. War sie weg? Rost konzentrierte sich. Sein Gehör wartete. Nichts. Er öffnete das Fenster und atmete kräftig durch die Nase ein. Dann betrat er das Wohnzimmer, um auch dort zu lüften. Sie saß auf dem Sofa.
Rost erschrak und stotterte eine Entschuldigung. Genau wie am Vorabend saß sie auf dem Sofa; nur der Kopf war tiefer auf die Brust gesunken. Rost erwartete Zahlen. Ängstlich stand er zwischen Tür und Sofa. Sie sagte nichts.
Er hob seinen Blick und sah das Loch im Stoffbezug neben ihrer Hand von Asche umrandet. Und auch ihr Mittel- und Zeigefinger waren leicht angekokelt. Sie war tot.

Dinge haben ihr Nachwirken. Rost war wieder allein.
Die Dorfgemeinde sprach ihm ihr Beileid aus, aber Rost hatte das Gefühl, daß sie dabei lachte. Er selbst lachte nicht. Er traute der Sache nicht. Selbst nach der Beerdigung wollte er nicht in die "Linde". Er ging nach Hause und setzte sich ins Wohnzimmer auf seinen Stuhl. Das Haus war selten ruhig. Wenn Rost tief in sich hinein lauschte, konnte er jetzt doch ein weiches Lachen hören, aber er hatte Angst. Schon einmal hatte er geglaubt, die Frau sei weg; da hatte sie ihn mit ihrer Zigarette verbrannt. Er sah auf das leere Sofa, auf die runde Brandstelle, dann ängstlich hinter sich. Er war allein. Neben dem Sofa lag noch die Photographie. Rost stand auf und schaute sie sich an. Es war ein Bild von der Frau in früheren Jahren. Sie sah hübsch aus mit ihren langen roten Haaren. Ihre Augen glänzten schwarz. Rost sah zur Seite. Er hatte das Gefühl, ihren pfeifenden Atem zu hören. Er versuchte zu heulen, ihr seine Trauer zu zeigen. Er konnte nicht. Ob sie ihm das verzieh?
"Bitte", sagte Rost, und dachte, leise ihre Stimme zu hören, "bitte!" Dann war es wieder still.
Er legte die Photographie auf den Tisch. Dort blieb sie liegen.

Wenn Rost abends von der Arbeit oder vom Einkaufen - ab und zu ging er sogar wieder spazieren - nach Hause kam, grüßte er sie.
Anschließend begann er vorsichtig zu essen.
Sie sagte nie etwas, schlug ihn nicht, wirbelte nicht mit Zahlen. Und doch konnte Rost sich nicht entschließen, die Photographie wegzuräumen. Sie teilte sich die Zeit mit ihm, schien ihn zu beobachten. Rost war sie nicht geheuer. Sein Leben war ruhiger geworden. Aber ganz sicher fühlte er sich nicht. Er mußte eine Lösung finden, die die Frau akzeptierte. Rost dachte nach. Dann hatte er eines Tages die Idee. Plötzlich wußte er, was zu tun war. In seinem Innern war das weiche Lachen stärker geworden, seine Angst nahm ab, und Rost entschloß sich nach langem Hin und Her, die Photographie ins Schlafzimmer über sein Bett zu hängen, sie in aller Öffentlichkeit zu verstauen.
"Einen besonderen Platz für die Frau", sagte Rost laut und blickte sich vorsichtig im Wohzimmer um, ob sie es auch hörte. Dabei dachte er daran, daß er das Schlafzimmer nur nachts betrat und die Frau folglich fast nie sehen mußte. Im Bett schlief er, das Licht war aus, sollte die Frau ruhig von der Wand starren.
"Einen besonderen Platz für die Frau", rief Rost erneut, während er die Küche mit der Photographie in der Hand betrat. "Und einen schönen Rahmen mache ich für die Frau", fügte er freundlich hinzu. Dann legte er eilig den Weg zur Schmiede zurück, nahm die Maße der Photographie und begann aus schweren Eisenteilen einen stattlichen Rahmen zu schmieden. Er arbeitete den ganzen Tag daran, klopfte hier eine Stelle gerade, warf dieses Teil nochmal ins Feuer und fügte zuletzt noch einige Verzierungen hinzu. Der Rahmen geriet so massiv und für die Ewigkeit geschmiedet, daß Rost alle Kraft aufbringen mußte, um ihn nach Hause in sein Schlafzimmer zu schleppen. Dort schlug er die zwei längsten Nägel, die er finden konnte, in die Wand am Kopfende seines Bettes und hievte das Bild hoch. Er kniete schwitzend in seinen Laken, und man hätte denken können, er bete zu diesem Eisenaltar, in dessen Mitte ein rothaariger Frauenkopf eingelassen war.

An diesem Abend, auf den Tag genau sieben Wochen seit die Frau beerdigt worden war, stand Rost das erste Mal seit Jahren wieder in der "Linde" und trank. Die ersten Schnäpse wollten nicht so recht schmecken. Zuviele Menschen sahen ihn an, flüsterten, nickten ihm freundlich zu. In der Kehle brannte es, auch im Magen züngelte das Feuer. Und dann war da noch die Frau. Wie würde sie ihren neuen Platz mögen? Durchschaute sie ihn? Wie würde sie das Trinken aufnehmen? Seit Wochen hatte sie ihn nun nicht mehr mit Zahlen angesprochen. Er wollte nicht zuviel riskieren. Nur noch einen.
Aber nach einer Stunde und etlichen Gläsern war alles wie früher, so als wäre nie eine Frau dagewesen, so als hätte sich nie etwas geändert, so als wäre die Zeit zurückgedreht worden. Und Rost blickte in die Lücke im Flaschenbord hinter der Theke und sah in der Spiegelscherbe die Kneipe in seinem Rücken friedlich da liegen. Und selbst als der Wirt Feierabend machte und die Rechnung brachte, behutsam die Zahl aussprach, hatte Rost nicht das Gefühl, etwas rase durch seinen Kopf, etwas springe und zerre an seinem Verstand. Nur ein leichtes Zittern spürte er in der Stirn, ein Vibrieren, das sich in den Nacken verlängerte und dann irgendwo im Rücken verschwand, sich auflöste, als sei es nie da gewesen.

Sie fanden Rost eine Woche später in seinem Bett. Beunruhigt darüber, den Schmied nach seinem ersten Abend in der "Linde" nun gar nicht mehr zu Gesicht zu bekommen, weder auf der Straße, noch bei der Arbeit, noch erneut in der Kneipe, hatten sie sich besprochen und an seine Tür geklopft. Als niemand geöffnet hatte, waren sie ins Haus gegangen und hatten im Wohnzimmer das Sofa mit dem Brandloch gesehen. Ein voller Aschenbecher stand auf dem Tisch und es roch nach Rauch. Niemand hatte gewußt, daß Rost rauchte. Sie gingen ins Schlafzimmer, und dort lag er mit zertrümmertem Schädel. Das Bild hing halb über seiner Schläfe, um die getrocknetes Blut klebte, und halb über dem Bett. Es war, als hätte die Frau ihren geschmiedeten Arm um ihn gelegt. Auf Rosts Gesicht aber lag ein Lächeln.




Guy Helminger
ROST
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Zum Autor

Guy Helminger, geboren 1963 in Esch-sur-Alzette (Luxemburg); studierte Germanistik und Philosophie in Luxemburg, Heidelberg und Köln. Bisher von ihm erschienen sind Die Gegenwartsspringer (Gedichte, Verlag am Schluechthaus 1986), Die Ruhe der Schlammkröte (Roman, Köln 1994), Entfernungen (in Zellophan) (Gedichte, Editions Phi 1998), Habicht (Hörspiel, Saarländischer Rundfunk 1999), LEIB EIGENER LEIB (Gedichte, Editions Phi 2000), 5 Sekunden Leben (Hörspiel, WDR 2001), Morgen ist Regen (Hörspiel, WDR 2001)
Guy Helminger lebt und schreibt in Köln.



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