ROGER MANDERSCHEID

polaroid
instamatic-texte
ein lesebuch




136 Seiten - 12 EURO
Reihe GRAPHITI
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miniaturisierte geschichten, skizzen, notizen,
schnappschüsse, anekdoten, schnelle bilder,
interviews, nicht gehaltene grabreden,
ping-pong-dialoge, neusätze
dieses buch enthält keinen aforismus




schreiben ist sterben

für georges christen

ein junger mann beschloss in seinem kreativen überschwang, sein zukünftiges leben der literatur zu widmen. sein erstes buch hiess: schreiben ist sterben. es zählte zweitausendfünfhundert seiten. der junge schriftsteller publizierte das gewichtige werk im selbstverlag, weil keiner der etablierten verlage sich bereit erklärte, das risiko einer veröffentlichung auf sich zu nehmen. der junge mann, hellauf begeistert von seinen literarischen fähigkeiten, entschloss sich zu einer erstauflage von fünftausend. er verkaufte zwei bücher. davon eines an seine freundin. und das zweite an die freundin seiner freundin, die seit jahren schon ein auge auf den jungen mann geworfen hatte.

mit dem rest der auflage baute der junge künstler ein haus, buch auf buch, sehr kompakte wände, nur durch kleine fenster unterbrochen. jeden morgen entzündete er ein offenes feuer mit einem exemplar seiner bücher, um darüber, wie in alten zeiten, seinen kaffee zu kochen.

es verblieben ihm noch sehr viele bücher, die er reihenweise seinem illustren nachbarn georges christen, dem stärksten mann der welt, überliess, der sie bei seinen in- und auslandsauftritten, also in der ganzen welt, in australien so gut wie in neuseeland, in nord- und südamerika, in russland, auf den balearen und sogar auf den kanarischen inseln, zwischen seinen athletischen händen zerriss.

durch sein bücherhaus und die an weltmeister georges christen weitergegebenen bücher erreichte er zeitweilig einen bekanntheitsgrad, der dem eines mässig erfolgreichen querfeldeinradrennfahrers gleichkam.


ein monstrum

eine frau hat mir gestern die geschichte erzählt, in der ihre beste freundin bis zum hals drinsteckt. deren mann, an lungenkrebs erkrankt, liess sich in niederbayern in einer privatklinik von einem wunderheiler eine wunderspritze, oder mehrere, geben, deren resultat ein zweifaches war: der mann wurde wieder gesund aber dafür lief sein gesicht, durch die nebenwirkung des starken heilmittels, so heftig auf mit klatschmohnrot eiternden beulen, dass niemand den mann mehr wiedererkannte. ausserdem habe die frau des mannes, also ihre beste freundin, sagte die frau mir desweiteren gestern bei einer tasse kaffee im café de paris auf dem place dëarmes, einen furchtbaren verdacht geäussert. ein zweiter arzt, spezialist für hautkrankheiten, den sie konsultiert hatten, habe ihr gegenüber, im vertrauen, gemeint, er glaube nicht daran, dass ihr mann je ernsthaft an lungenkrebs erkrankt sei. lungenkrebs sei immer noch unheilbar. stell dir vor, mein mann erfährt das. ich kann mir nicht ausdenken, was er dann anstellen würde. schrecklich sieht er aus. wie ein monstrum, habe ihre beste freundin noch gesagt, halb flüsternd und pausenlos nach allen seiten hin ängstlich sich umblickend, erzählte die frau gestern.


hochsprung

alle wollen sie hoch hinaus. weil sich alle für superathleten halten. da gibt es welche, die legen die latte auf 20 cm und fallen trotzdem drüber, und andere, die haben, könnte man meinen, bleisohlen an den schuhen, die schmeissen sich zwar in die brust, um einen anlauf zu nehmen, kommen aber nicht von der stelle. noch andere erscheinen im trainingsanzug, legen die latte sogleich auf augenhöhe, nehmen einen anlauf und rennen -patsch- mit dem gesicht dagegen. die einen springen in kurzer turnhose und sportschuhen, die andern im sonntagsanzug. die einen benötigen fünf volle minuten um sich zu konzentrieren, bevor sie auf die latte loslaufen, die andern reden noch über dem springen. diese springen von der rechten seite her, jene von der linken. einzelne versuchen sogar, wie die professionellen leichtathleten im fernsehen, mit dem rücken zuvorderst über die latte zu kommen: noch bevor sie wieder komplett auf dem boden gelandet sind, trifft sie der hexenschuss. jeder will höher hinaus als der andere. es gibt sogar welche, die von hochsprung keine ahnung haben, die lassen sich ohne zögern die latte auf 2 m 20 legen und laufen darunter durch. die meisten stürzen zu boden. letzthin kam einer her, liess sich die latte auf 2 m legen und ging wieder aus dem stadion hinaus um von dort aus einen anlauf von 300 m zu nehmen: er kam hereingerannt, feuerrot im gesicht, suppennass vor lauter schweiss, dabei verlor er die richtung und sprang vorbei. ein anderer spannte den regenschirm auf um zu springen. noch ein anderer kam in der taucheruniform, mit einer klobigen taucherbrille auf der nase und schwimmflossen an den füssen. er sprang sechs zentimeter hoch. für die dicken ist ein sprung von 30 cm schon eine schöne leistung; als die reihe an theo kam, war der eingenickt. zwei kollegen mussten ihn über die latte werfen: 40 cm. einer will höher hinaus als der andere. zuletzt kam einer, der sich in seinem feinsten tuch vor der latte aufbaute, eine rede hielt, eine schere aus der jackentasche nahm, um das bändchen durchzuschneiden. das gelang nicht. er steht heute noch dort.


ein starker mann

der mann gehörte zu der clique derjenigen, die schwarzes gedankengut pflegen. wer in diesem land zu dieser clique gehört, hat von allen seiten hilfe zu erwarten. der wird auf unsichtbaren händen nach vorn und nach oben getragen. der mann platzte vor energie. niemand schien seine schaffenskraft bremsen zu können. er war verheiratet, hatte sechs kinder, die alle schon gross und erzogen waren, und lief jeden tag durch den wald. zehn kilometer sind das mindeste, sagte er und hatte diesen ironischen ausdruck im gesicht, von dem man nicht wusste, ob es spott war oder verbissenheit. er lief regelmässig und steigerte seine fähigkeit, kilometer an kilometer zu hängen, mit der zeit so, dass er mühelos dreissig kilometer abspulen konnte. nachher suchte er seine freundin auf, wie er nicht ohne stolz erzählte. das muss ich einfach, sagte er. diese geballte kraft muss einfach irgendwo rausfliessen, ohne diese regelmässigen liebeskontakte könnte ich nicht glücklich leben. er war also glücklich. ein starker, energiegeladener, konservativer mann, ein weitläufer und kirchgänger mit sechs grossen kindern, dessen frau klein und unscheinbar war und in der seele aufrichtig katholisch. das katholische, sagte er ohne umschweife, spiel ich nur. spiel ich einfach weiter. in der familie. nach draussen. sollen doch alle glauben, was sie wollen. mir kann es nur von nutzen sein. meine frau leidet zwar, wird sich aber in diesem leben nie von mir trennen. wenn er redete, redete er ohne pause, lächelte dabei undurchsichtig, hielt viel von sich und seinen fähigkeiten. jetzt, in diesem augenblick, sitzt meine freundin in ihrer wohnung mich zu erwarten, sagte er, ungeduldig und immer wieder frisch verliebt. so sitzt sie seit vierzehn jahren und will sonst nichts, als dass ich sie in den arm nehme und gründlich durchschüttele. aber dieses durchschütteln hat für uns beide nur dann ein befriedigendes resultat, wenn ich vorher gelaufen bin. zehn, zwanzig, dreissig kilometer. durch den grünewald. sie schreit vor freude, wenn sie kommt, das heisst, wenn ich komme. sie war nie verheiratet, hat keine kinder. arbeitet in der bank. hat eine nette eigentumswohnung. ist überhaupt eine supernette frau.


o diese luxemburger

wenn die luxemburger spüren, sagte der deutsche grenzgänger, dass der augenblick da ist zum denken, essen sie. nehmen sie etwas zu sich. oder fahren auto. der luxemburger, der denkt, sagte der grenzgänger dann noch, denkt für sich. derjenige von den luxemburgern, der diskutiert, diskutiert für sich allein. zuhaus im stillen kämmerlein. der luxemburger, glaube ich jedenfalls, sagte der grenzgänger zum schluss lächelnd, denkt mit dem bauch. der luxemburger ist, kulturell gesehen, ein bauchredner. wenn der luxemburger denkt, kann man es hören. dann kracht das gesperr des denkgebäudes leise, aber deutlich. von der unteren körperhälfte herauf verlagert sich das knistern unheimlich langsam zum kopf empor. nachdenken, vordenken, überdenken, umdenken, durchdenken, ausdenken. für den luxemburger, scheint es mir, ist alles so kompliziert. wenn alles nichts hilft, also auch essen und trinken nicht, besteigt er sein auto, ganz bedächtig, und braust davon, hinaus in die wege und strassen und autobahnen des landes, europas, der welt.







Roger Manderscheid
POLAROID - INSTAMATIC-TEXTE
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