ROLPH KETTER

In einem kleinen Land


Mit diesem Buch setzt Rolph Ketter die im "Journal eines jungen Narren" begonnenen Aufzeichnung fort. Die Zeit: 1977-80. Der Ort: Luxemburg. Die Handlung ist das Schreiben selbst, oder, wie der chinesische Dichter Su Tung Po es ausdrückte: "Es ist wie die vorbeiziehenden Wolken, wie das rinnende Wasser. Die Form ist nicht meine erste Absicht, sondern ich gehe voran, wo ich vorangehen muß, ich halte an, wo ich haltmachen muß. Wenn Ausdruck und Empfinden sponstan sind, bricht die Sprache wie eine Quelle hervor."



186 Seiten - 19 EURO
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Auszug



Im Winter weiß ich manchmal nichts Besseres, als zu früher Nachmittagsstunde in einem kleinen Stadtbistro zu sitzen und dies und jenes zu notieren. Die paar alten Herren, die auf Holzstühlen pfeiferauchend ihre Rente absitzen, stören mich nicht. Auch die Wirtshausuhr, auf die jetzt mein Blick fällt (eingelassen in den Sockel eines Miniaturbierfasses), tickt verhalten. Ein Gespräch kommt schon deshalb nicht in Frage, weil die Wirtin am Fenster sitzt und bei kleinem Licht die Tageszeitung liest. Der Raum liegt also quasi im Halbdunkel. Und worüber sollte man auch reden? Man schaut in den Schnee, der draußen aufs Dach des Staatsministeriums fällt und um die Türme der Katedrale gaukelt. Passanten hasten dick umschalt vorüber, gesichtslos. Also wird gelassen geschwiegen, ein Schuh aus der Wasserlache gerückt, die sich unter dem Tisch gebildet hat. Oben ist alles sauber, die Aschenbecher sind geleert, die Bierdeckel ordentlich in die Schlitze der Bierfäßchen gesteckt. Am Fenster die Wirtin liest immer noch. Könnte es sein, daß ich in einen Saal des Museums auf dem Fischmarkt geraten bin, Abteilung Volkskunst, und alle Figuren wären aus Wachs?

Sag' jetzt was über deine Vorfahren!
Von den germanischen Vollgrüblern habe ich das Introvertierte. Das leichte, lockere, in Lichtungen grausteinern Hingebaute brachten die füchsigen Gallier. Das blaue Auge, von dem Rimbaud spricht, schlugen mir die trickreichen Franken. Schwere Wortbrocken kreuz und quer durch die Jahrhunderte geworfen, alles Regungen eines Geistes, der die Richtung verlor. Miasmen, Mückenschwärme darüber. Das Formlose schreit nicht nach Form, der Prinz sitzt in der Bernsteinmasse und will nicht befreit werden, er macht im Gegenteil ein ganz zufriedenes Gesicht, schreibt mit tintenbeschmutztem Bienenstachel am weltfremden Opus.
Tatsächlich: Je mehr ich vom Leben meiner Vorfahren in Erfahrung bringe, desto hoffnungsloser wird mir zumut. Die Schlauen hielten wetterwendig zum Tagesstarken, wurden rücksichtslos versklavt. Die noch Schwächeren schlossen die Augen, zogen die Pflugschar übers Feld. Man hatte ihnen nichts beigebracht als Fürchtegott und Haltdiefresse. Braunblond, breitlangschädelig, starrgrauäugig - eine Saat, die zwischen zwei Armeen, zwei Kulturen aufging, Blut in den Haaren, das Resultat wilder Zusammenstöße auf einem geografischen Terrain, das zufällig das spätere Luxemburg war, ein naturgegebenes Aufmarsch- und Kampfgebiet landsuchender und beutelüsterner Divisionen. Wenn's zu schlimm wurde, hob man die Faust, fluchte zum Himmel. Das übrige ertrug man fatalistisch, gab der Arbeit den Preis der höchsten Ehre. Baute auf, baute ab, zwischendurch fiel der Tanz recht schwerfällig aus, die ersten Schritte schon halb kaputt gemacht vom galligen Blick ihres Gottes, dem verinnerlichten Invasor. Ich bin einer der Späne, die beim Zuspitzen zweier Pfähle flogen, schwer von Blut und von Schweiß, spiralisch gewunden, Abfall zweier Stämme. Wirklichkeit fehlt als das Veränderbare.

Wellengeräusche des Meers an den Ufern der Bretagne. Am Abend, als Mara auf dem frisch bezogenen Bett lag, den Hund Pioue (krank, mit blutigem Ausfluß) neben sich, hörten wir eine Sendung auf France-Culture über dieses Land. Später Katalonien. Ein Weinbauer erklärte mit rauher Stimme, zu seines Vaters Zeiten hätte der Wein ausschließlich aus Trauben bestanden. Wir schliefen mit Unterbrechungen (Hund boll) bis 11 Uhr. Später der Spaziergang über vernebelte Felder. Wieder zu Hause las ich die ersten drei Abschnitte von Freuds Jenseits des Lustprinzips, dachte an Conrad Schweiss, den Held meiner geplanten Erzählung, ans Episodenhafte der als klassisch geltenden Kunst.

Ich bin kurz nach 6 Uhr aufgestanden, wollte am Schweiss arbeiten, versank jedoch in den Pariser Notizen. Es war wieder Maizeit, Tagebuch meiner Spaziergänge, meiner Obsessionen. Ganz deutlich sah ich mich, hielt das damals Geschriebene vor das Heute. War ich stärker? Eher konfuser, gedrängter, mitteilsamer und mit Schreien vermischt. Na ja, mein Ich bleibt dasselbe, hinzugekommen sind bloß einige Falten im Gesicht und im Herzen.
In unserer Einbahnstraße, die in Wiesen mündet, ist es still. Der Schnee im Garten liegt karg, bedeckt mühsam das Unkraut des Sommers. Im bleichen Himmel lärmen dicke Spatzen. Bis jetzt hörte ich kein Flugzeug über Howalds Dächern findelwärts kurven. Ich sitze am Fenster, halte die lange Dannemannzigarre zwischen Mittel- und Zeigefinger. Das neue Brillengestell auf meiner Nase stört mich beim Schreiben.
Ich arbeitete dann bis 11 Uhr am Schweiss. Das als Handübung Gedachte nimmt langsam Form an. Etwas schwerfällig allerdings; `ch weiß! Aber ich werde natürlich weitermachen.
Am Nachmittag standen plötzlich die Nachbarn mit Motorsägen & Äxten im Garten, verstümmelten die Pflaumenbäume. «Mörder,»
sagte Mara. Als die Äste fielen, flogen aufgeregte Vögel von den Nachbardächern auf und über die Baumleichen hinweg; ein letztes Mal wohl. Die Bäume waren ihnen Laube und Liebesstätte. Man liquidierte sie, weil sie seit einigen Jahren keine Früchte mehr tragen. Gegen Abend fuhren wir nach Glotterbach zu meinen Eltern. In der Stube sang der Vater zum Banjo, dann zeigte er mir die Farben und Formen, die er auf die weiße Gartenmauer gemalt hat.

Als Alfred Andersch nach einem langen Gespräch mit Michel Raus über sein Buch Winterspelt das Aufnahmestudio verließ, trat ich Unverbesserlicher auf ihn zu und fragte:
«Wissen Sie, wie's Arno Schmidt nach seiner Erkrankung geht?» Er war ziemlich verdutzt. Er dachte eine Weile nach. Dann sagte er:
«Ich habe ihn seit letztem Herbst, das heißt kurz vor der Preisverleihung des Deutschen Buchhandels, nicht mehr getroffen. Wie's ihm geht?»
Er griff sich an die Brust:
«Der Mann leidet stark an Herzmuskelverkrampfungen, jaja! Er arbeitet halt wie ein Pferd.»
Schon im us-militärischen Wintermantel, fügte er hinzu:
«Wir sind alte Freunde.»
Er sah mich dabei teils ablehnend teil ausdruckslos an. Er hat ein schönes vergrautes Pagenstechergesicht.

O diese erniedrigende Journalistenarbeit! Und hast du sie hinter dir und willst dich an den Schreibtisch setzen, mußt du dich um andere kümmern. So denkt natürlich kein Gentleman, sondern einer, der's verdammt nötig hätte, in wirklich stiller Abgeschiedenheit seine Worthügelchen zu Papier zu bringen. Darüber beklagte ich mich am Mittagstisch, und Mara schaute nicht ganz glücklich drein. Ich winkte dann Abschied, rannte mit dem Hund durch die Steinseler Wälder (er hinter 2 Rehen her, wobei er seltsame Winsellaute ausstieß), arbeitete volle 6 Stunden am Schweiss, der mir ganz aus der Hand rutscht, warum eigentlich? Und mißmutig stellte ich mir die Frage, ob meine Kraft überhaupt ausreichen wird, mich an größere Arbeiten zu wagen.
Am Abend erschienen Bruder Otto und seine Frau Linda zu Besuch. Sie doch sehr glänzenden Auges, weil ein Kind kommen wird. Er familienväterlich um ein sicheres Nest bemüht. Wir tranken Beaujolais. Ich las ihnen einige Seiten Schweiss vor, bemängelte überm Lesen die zu runde Sprache; läuft ab wie am Schnürchen; vermeidet Kanten, brüskes Gefälle, Explosionen: Erbschaft des auf Harmonie Getrimmten.
Gegen 22 Uhr setzte ein Schneesturm ein, ungewöhnlicherweise begleitet von Donner & Blitz. Ich schaufelte Matsch vor dem Haus. Ich bin immer noch untröstlich wegen der Bäume.

Auch heute habe ich viel am Schweiss gearbeitet. Wie versteht sich der Drang, gerade mit einer historischen Vergangenheit (in diesem Fall Luxemburg) abzurechnen? Ich beschloß, die Frage einstweilen offen zu lassen, war zufrieden, als die Arbeit hinauslief auf einen bewußt konstruierten Text. Dann über Feld, wie jeden Tag. Der Hund sprang einen breitschnauzigen Waldläufer an, der im Trainingsanzug daherkam, böse wurde und dem Hund am liebsten einen Fußtritt versetzt hätte. Sekundenlang stellte ich mir unsern Ringkampf im Untergehölz vor; er mit kleinem aber stählern bemuskeltem Körper; ich in der Defensive, jedem Schlagabtausch abgeneigt. Ich nahm den Hund an die Leine, feige.
Am Nachmittag Warten auf Cora. Sie kam spät und lieb gänsig, meine große Tochter. Ich habe keine Schuldkomplexe, weil ich mich von Christa getrennt habe und ihr die brüchige Familie nicht erhielt. Beim Aufräumen fragte ich mich, ob ich ihr je ein guter Vater gewesen bin. Meine Buchwelt, dachte ich, wird ihr verstaubt vorkommen.
Wir verbrachten kurze Zeit des Abends bei Bruder Otto & Linda, saßen am hellen Kaminfeuer. Wieder zu Hause wollte Cora vorm Einschlafen noch ein bißchen mit mir reden. Wir sprachen im Dunkeln von den kleinen Ereignissen des Tages. Ich dachte zurück an ähnliche Plauderstündchen in Ferienheimen und später in Jugendherbergen. Sie sagte, sie fände es unmöglich, daß man glücklich sein könne ohne jemand, mit dem man zusammenlebt. Die stammgebundene Frau. Sie hat vieles von ihrer Mutter. Ihr pikiertes Lachen; doch auch die Lust an einer alles überflutenden Fröhlichkeit, das Offene, Strahlende ihres Wesens.

Mara & Cora sind ins Kino. Ich bin eben vom Spaziergang zurück. Im Radio ein Brahms-Quartett. Draußen der Schnee, die Felder aber schon weich unter der Sonne. Ich ging, den Kopf fest zwischen den Schultern. Ich wurde das Gefühl nicht los, daß ich nur noch in einer Stadt richtig zu schauen weiß. Übers Feld gehe ich wie unter einer Glasglocke, registriere Gesamtbilder, Himmel, Wolken, blauer kalter Tag - der Sinn fürs Detail in der Natur ist perdü. Ich stürme dahin, lasse mich von Arbeitsgedanken überwältigen; oder die ekelhafte Pein der Bürofron droht.
Am Morgen sah ich, wie die armseligen Reste der Pflaumenbäume weggesägt wurden. Der fette Nachbar stand im Gartenweg und schaute, die Hände in den Taschen, teilnahmslos zu.

Ich habe mich von Mara getrennt. Ich scheine fürs Eheleben nichts zu taugen. Ich staunte, wie gelassen sie auf meinen Vorschlag, in unserer Beziehung eine Denkpause eintreten zu lassen, einging. Doch vielleicht irre ich mich, vielleicht habe ich sie zutiefst enttäuscht und verletzt, und sie wollte sich nichts merken lassen in ihrem Stolz. Vor drei Tagen verließ sie mit ihrer Tochter das Haus, fuhr mit einem Teil ihrer Möbel zu ihrem Bruder nach Wiltz. Ich denke ununterbrochen an sie, ich schäme mich nicht, einzugestehen, daß sie mir jetzt schon fehlt und daß ich dumm und egoistisch gehandelt habe.
Cora ist jetzt öfter bei mir, im Augenblick malt sie Fallusbäume und Häuser mit dicken Rauchwolken überm Dach. Sie schenkte mir eines dieser Bilder. Sie hat sich an die Stille hier gewöhnt, sitzt und malt oder webt auf Schmidts großem Webstuhlrahmen. Ihr blonder Schopf am Fenster. Welche Fragen mag sie sich über ihren Vater stellen? Verläßt zwei Frauen, lebt wieder allein, mit Hund. Später wird sie das vielleicht ablehnen: zutiefst konservative Natur der Frauen. Vielleicht aber mache ich ihr auch Wege frei, die in meiner Kindheit & Jugend total verholzt waren: das sklerosierte Eheleben als Endresultat.




Rolph Ketter
IN EINEM KLEINEN LAND
186 Seiten - 19 EURO

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Rolph Ketter, 1938 in Düdelingen (Luxemburg) geboren. Lebt und arbeitet seit 1985 als freier Autor in Esch-Alzette.
Buchveröffentlichungen: Unterwegs zur Insel, éditions phi, 1988; Auf der Unglücksinsel, Verlag Op der Lay, 1988; Niemannsland, Verlag Op der Lay, 1989 (mit diesem Roman wurde Rolph Ketter Preisträger des Nationalen Literaturwettbewerbs 1988); Journal eines jungen Narren, éditions phi, 2000. Im Herbst 2002 erscheint im Verlag ultimomondo Der Melusinentraum.




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