Barabara Höhfeld
ZUM AUTOR
Barbara Höhfeld
1934 in Dortmund geboren, hat Barbara Höhfeld 32 Jahre lang als Übersetzerin, Mutter, Ehefrau und in vielen anderen Rollen im Großherzogtum Luxemburg gelebt. Sie veröffentlichte seit 1976 vor allem in Luxemburg: Essayistische Texte, aber auch Gedichte und Erzählungen. Mit Ginsburg und der Rotkohl erscheint ihr erster Roman. Barbara Höhfeld wohnt jetzt in Frankfurt am Main.
LESEPROBE AUS
Ginsburg
und der Rotkohl
1999. 224 Seiten - ISBN 3-88865-181-6 - 20 EURO
online bestellen
Unter den Namen Ginsburg leben viele Menschen auf der Erde, es ist ein jüdischer Name. In seiner Verbreitung spiegeln sich die Wanderungen des Volkes Israel auf unserem Globus. Unter allen Ginsburgs aber gab es nur einen Gainsbourg, und für ihn begeistert sich Ilse Schneider, eine Deutsche, auch sie auf Wanderschaft. Ihr luxemburgischer Mann, mit dem sie in Paris lebte, ist 1989 gestorben. Wenige Monate später, und hier beginnt der Roman, reist sie nach Wien, um die Kinder ihrer besten Freundin zu betreuen. Der eiserne Vorhang ist gerade gefallen. Niemand vermag sich den Veränderungen zu entziehen, die daraus entstehen, auch Ilse Schneider nicht.
Behutsam rollte Ilse ihren Kopf auf dem Kissen hin und her. Wie schwer er sich anfühlte! Sie öffnete die Augen.
Von der weißen Decke wanderte ihr Blick zu den Fenstern. Grüner Tüll versperrte ihr die Aussicht, nur ein Gerüst war vor dem Fenster zu sehen. Zwischen Ilses Bett und dem Fenster stand noch ein anderes Bett. Sie erinnerte sich: sie lag in Mainz im Krankenhaus.
Ihre Lider sanken schwer herab. Was war geschehen? Gestürzt war sie, im Zug von Koblenz nach Wien über einen Koffer gestolpert. Nach all der Hast, Treppe hinunter, Treppe hinauf, in Koblenz gab es noch immer keine Rolltreppen, der schwere Koffer. Sie sah wieder den düsteren Gang vor sich, der unter den Bahnsteigen herführte, die unebenen Stufen des alten Bahnhofs, und dann den Gegensatz zu dem IC-Waggon, in den sie eingestiegen war. Vor ihr inneres Auge traten das Gläserne, das Metallene, das Gestanzte seiner Fertigbauteile mit ihren kalten, aufdringlichen Farben. Aber warum hatte sie den Koffer im Gang nicht gesehen?
Da fiel ihr der Blinde wieder ein. Kaum war sie eingestiegen, war er aus dem benachbarten Wagen in den Vorraum getreten. Mit seinem weißen Stock klopfte er stetig an die Seitenwände und stieß nun gegen ihren Koffer. Augenblicklich blieb er stehen und ließ seinen Begleiter vortreten. Dieser führte den Blinden an der Hand um Ilse und ihr Gepäck herum, öffnete die Tür zum Wageninnern. Eine Aura von Freundlichkeit umgab die beiden. Der Begleiter ließ den Blinden wieder vorangehen. Dieser tastete sich mit unbeirrter Regelmäßigkeit weiter durch den Gang, während Ilse den beiden nachblickte und den Worten nachsann, die sie gerade gehört hatte. Der Begleiter, ein schöner Mann, hatte sie zu dem Blinden gesagt und dabei die Tür mit leichten Zug geöffnet; Ilse hatte die Worte nicht verstanden, gebannt von dem Klang der Stimme, in der sich die äußere Schönheit des Mannes zu spiegeln schien. Der Blinde hatte unwillkürlich den Kopf zur Seite gelegt, war stehen geblieben, bis die Worte verklungen waren. Die Tür schloß sich automatisch. Das Klopfen des Blindenstocks verlor sich am andern Ende des Waggons.
Ilse öffnete wieder die Augen, änderte ihre Position im Krankenbett. Die wirklichen, die wahren Liebespaare sind heute homosexuell, fuhr es ihr durch den Kopf. Ja, so war es gewesen: das Bild der beiden Männer hatte sie weiter beschäftigt; was für ein ideales Paar, hatte sie gedacht und dabei den Metallkoffer übersehen, den ein Reisender neben seinen Sitz in den Gang gestellt hatte. Während sie stolperte und fiel, war ihr, als hörte sie noch einmal den Schönen sprechen. In der Erinnerung spürte sie wieder den warmen Klang seiner Stimme im Ohr.
Als sie sich hatte aufrappeln wollen, hielt eine Hand sie zurück. Jemand machte sich an ihrem Kopf zu schaffen. Ein Mann beugte sich über sie. "Es ist alles gut", sagte er, "bleiben Sie noch ein wenig liegen. Außer der Platzwunde hier am rechten Backenknochen haben Sie wahrscheinlich nur eine Gehirnerschütterung. Ich bin Arzt." Er klebte ihr ein Pflaster auf die Wange. Jemand hielt ihre linke Hand mit festem, tröstenden Griff. Es war ebenfalls ein Mann, ungefähr ihres Alters, zwischen vierzig und fünfundvierzig. "Sie sind über meinen Koffer gestolpert, es tut mir wirklich außerordentlich leid!" sagte er in einem wienerischen Tonfall. Wienerisch! Wo sie doch gerade auf dem Weg nach Wien war, dort dringend erwartet wurde.
Seine Sprache hatte ihr wohlgetan, einen Moment lang hatte sie sich sogar gefragt, ob sie schon angekommen sei, wie eine Erleichterung, diese Idee. Aber war sie nicht eben erst in den Zug gestiegen? Als sie zu einer Frage hatte ansetzen wollen, spürte sie schon beim ersten Wort brennende Kopfschmerzen. Der Wiener sagte: "Bittschön, Sie brauchen nicht zu sprechen, schonen Sie sich! Hier haben Sie meine Visitenkarte; wenn irgendwelche Probleme auftreten, rufen Sie mich halt an - jederzeit!"
Probleme? Wieder wendete sie vorsichtig ihren Kopf hin und her, nein, Schmerzen spürte sie keine mehr. Nur Schwere. Vielleicht hatte sie Glück gehabt, daß sie gleich in fachkundige Hände geraten war.
"Hören Sie mich?" hatte der Arzt gefragt. Ilse hatte mehr mit den Augen als mit dem Kopf genickt. "Sie haben vermutlich keine Fraktur. Aber um das feststellen zu können, müssen Sie geröntgt werden. Wegen der Gehirnerschütterung empfehle ich zwei Tage Bettruhe."
Ich muß nach Wien, hatte Ilse sagen wollen, aber das Artikulieren gelang ihr nicht.
"Ich habe einen Krankenwagen bestellen lassen, beim nächsten Halt werden sie abgeholt und in stationäre Überwachung gebracht. Sind Sie damit einverstanden?"
Ilse hatte begriffen, daß der Mann sich absichern wollte, ja, natürlich, sie war ja in Deutschland, da mußte alles seine Ordnung haben. "Wohin?" hatte sie dennoch geflüstert.
Da der Arzt sie nicht verstand und befürchtete, sie könnte sich weigern, wiederholte er seine Frage, sprach langsam, überdeutlich.
"Ja", sagte Ilse, so laut, daß der Kopf davon schmerzte. Jajaja. Ihre linke Hand lag noch immer in der Hand des Mannes, der ihr seine Visitenkarte geben wollte. Sie löste ihre Hand und wies damit auf ihre Manteltasche. Behutsam schob der Mann die Karte hinein.
Ilse beschloß, bei nächster Gelegenheit nach der Karte zu sehen.
Ein Eisenbahnbeamter war gekommen und hatte dem Doktor gemeldet, daß der Zug demnächst in Mainz Hauptbahnhof einfahren werde, daß Sanitäter die Frau hier abholen würden.
Die Weißkittel hatten sich um alles gekümmert, ihre Handtasche und ihren Blutdruck; sie gingen mit ihr um wie mit einem Stück wertvoller Ware, routiniert, selbstsicher; die Krankenwagenbesatzung tauschte knappe Witze aus, die Ilse nicht verstand. Angeliefert wie ein Fließbandprodukt, mit sachkundigen Griffen weiterbefördert, wurde sie entkleidet, betastet, geröntgt und schließlich in dieses Zimmer gebracht. Hier wurde sie persönlich empfangen, eine Schwester hatte ihr erklärt, was mit ihr los war.
"Der Doktor kommt später vorbei, aber ich kann Ihnen jetzt schon sagen, daß man keinen Bruch, nichts Ernstes feststellen konnte. Ihre Platzwunde ist geklammert worden, und Sie müssen wenigstens zwei Tage liegen."
Ilse hatte daraufhin nach einem Telefon gefragt - der Klang ihrer Worte hallte schmerzhaft in ihrem Schädel nach.
Zu ihrer Überraschung wurde ihr das Telefonieren verweigert - es gab kein Telefon im Zimmer, nur eins auf dem Flur. Die Schwester hatte sich bereit erklärt, an ihrer Stelle Bescheid zu geben. Ilse wußte die Telefonnummer von Ann-Marei auswendig. Erleichtert hatte sie gemerkt, daß sie die Ziffern ohne weiteres nennen konnte. Ihr Gehirn funktionierte noch! "Ich werde dringend erwartet, bitte, rufen Sie an und sagen Sie, daß ich später komme!"
Danach war sie offenbar eingeschlafen.
Heute durfte sie noch immer nicht aufstehen, erinnerte sie sich. Bei ihr im Zimmer lag eine alte Frau. Die verharrte unbeweglich mit geschlossenen Augen auf dem Rücken; von Zeit zu Zeit stieß sie ein leichtes Röcheln aus, sonst wirkte sie fast wie tot. Wenn die Schwestern sich an ihr zu schaffen machten, schrien sie, als wäre die Frau schwerhörig.
Eine Schwester brachte jetzt Nachricht vom Telefon. "Ihre Freunde aus Wien haben angerufen, ich habe gesagt, daß Sie sich auf dem Wege der Besserung befinden und wahrscheinlich morgen entlassen werden. Sie lassen grüßen!" Ilse nickte dankend.
Die Schwester ging mit prüfendem Blick zum Bett der Alten und brüllte: "Wie ist es, Oma, müssen wir mal wieder?" Die Patientin reagierte nicht, und die Schwester verließ das Zimmer. Nach einer Weile bemerkte Ilse, daß die Alte zur Decke blickte, daß ihre Augen sich bewegten. Sie selbst begann, sich leichter, frischer, gegenwärtiger zu fühlen als bisher, seit dem Sturz. War sie nicht auch schon vor dem Sturz abwesend, ungegenwärtig gewesen? Wie lange schon? Henris Grab trat ihr vor die Augen, unter der Trauerweide hatte die Welt ebenso grün ausgesehen wie das Krankenzimmer hier.
"Eigentlich schade, daß man nicht aus dem Fenster gucken kann, finden Sie nicht?" Ilse hatte mit normaler Lautstärke gesprochen, überrascht vernahm sie ihre eigene Stimme, eine Ewigkeit hatte sie sich nicht mehr gehört, so kam es ihr vor. Sie rechnete nicht mit einer Antwort. Da erklang eine leise klare Stimme aus dem Nachbarbett.
"Es macht nichts. Hier liege ich besser als im Altenheim. Wie Dornröschen hinter der Hecke."
Kicherte das alte Weib sogar? Das Kichern sprang auf Ilse über und erzeugte einen leichten Druck hinter ihrer Stirn. Ohne sich zu bewegen, sagte sie: "Und der Prinz ..."
"Mein Prinz ist der Tod", fiel die Alte ein, "und ich wünschte, er käme bald ..."
Dieses Kichern, das Kitzeln in der Magengegend wollte nicht aufhören; ein Bewegungsdrang überkam Ilse, sie wendete sich und wühlte unter der Decke.
"Wie lange liegen Sie schon hier?"
"Ich zähle die Tage nicht mehr. Drei oder vier vielleicht. An einem Sonntag bin ich gestürzt, habe mein Bein gebrochen.
Oberschenkelhalsbruch, sagt der Arzt. Nun werden sie mich nicht in meine Wohnung zurücklassen."
"Warum denn nicht?"
"Das Sozialamt behauptet, in meinem Alter ... Beim nächsten Unfall geht's ab ins Heim, hat der Michel gesagt. Michel, das ist mein Sozialarbeiter ..."
"Haben Sie keine Kinder?"
"Die sind 1927 bei der Grippeepidemie gestorben. Wir haben ja damals in Berlin gewohnt."
Beide schwiegen. Ilse bemerkte zum erstenmal, daß sich die Arbeiter draußen auf dem Gerüst mit Rufen verständigten. Ganz fern rauschte ein ständiger Autoverkehr. Sie versuchte, sich eine Grippeepidemie im Jahre 1927 vorzustellen: Jeder Tropfen heißes Wasser mußte auf dem Kohleherd erhitzt werden; Kohlen aus dem Keller holen, Asche in die Aschentonne tragen ...
"Sie müssen wissen, ich bin schon 92. Haben Sie denn keine Kinder?"
"Nein."
"Aber doch sicher einen Mann?"
"Mein Mann ist vor drei Monaten tödlich verunglückt ... Wir lebten seit vielen Jahren in Paris ..."
"Ach, in Paris ..."
Wieder trat Schweigen ein. Ilse verknüpfte in Gedanken ihren eigenen Unfall mit dem von Henri. Von einem Auto erfaßt, war er sofort tot gewesen. Ich aber bin wieder vom Tod erwacht. Vielleicht hab ich noch was zu tun. Hatte Henri nichts mehr zu tun gehabt? Vor ihrem inneren Auge zog der schöne Begleiter des Blinden vorüber, und plötzlich hörte sie, was er zu seinem Freund gesagt hatte: "Wir werden das Risiko eben auf uns nehmen." Der Blinde hatte kein Wort von sich gegeben, und dennoch hatten ihr die beiden den Eindruck von Menschen gemacht, die in ein langes, tiefes Gespräch verwickelt waren.
Die Tür öffnete sich, Visite. Wie es sich für ein Universitätskrankenhaus gehörte, strömte ein ganzer Trupp von Menschen ins Zimmer. Ilse kam sich wie ein Verwundeter auf dem Schlachtfeld vor; nur war sie nicht sicher, ob sie von diesen Überlebenden gefunden werden wollte. Es würde nichts nützen, sich tot zu stellen. Sie öffnete die Augen und sah mit einem raschen Blick, daß ihre Mitpatientin wieder genauso reglos wie sonst mit verschlossenen Lidern in ihrem Bett lag.
"Na, was macht der Brummschädel?" scherzte der diensttuende Arzt. "Sie sind mit einem blauen Auge davongekommen! Nichts gebrochen, alles funktioniert bestens - morgen können Sie Ihre Reise fortsetzen. Wo soll's denn hingehen?"
Die Oberschwester gab Auskunft, ehe Ilse den Mund aufmachen konnte. "Frau Schneider fährt nach Wien, sie will dort drei kleine Kinder betreuen. Wird sie noch irgendwelche Vorsichtsmaßregeln treffen müssen?"
Der Arzt sah prüfend auf das Krankenblatt und schüttelte den Kopf.
"Erinnern Sie mich trotzdem morgen früh noch mal daran!" fügte er hinzu und trat an das andere Krankenbett.
"Stationär", sagte die Oberschwester.
"Haben Sie schon einen Heimplatz ausfindig gemacht?"
"Wir suchen noch."
"Sie soll einmal am Tag gehen üben."
Die Schwester seufzte, notierte etwas auf dem Krankenblatt; dann verschwand der Schwarm im Handumdrehen, und es war wieder still im Zimmer. Die Greisin regte sich nicht. Ilse fühlte sich plötzlich zutiefst erschöpft und schlief ein.
Sie träumte. Ganz dicht vor ihren Augen tauchte der Schöne aus dem Zug auf. Sie starrte fasziniert auf den Ausdruck seines Gesichts, seiner Gesten: die Fürsorglichkeit für den Freund! Im Traum spürte sie die Wärme, die Hingabe für den Andern. Auch den Blinden sah sie ganz nah: es lag ein Schleier von Glückseligkeit auf seinem Gesicht, sogar auf den unbelebten Bezirken um seine Augenhöhlen; er bewegte sich in der Gewißheit, geliebt und behütet zu werden, er bewegte sich frei.
Das Klopfen seines Blindenstocks verstärkte sich jetzt, es veränderte seinen Rhythmus, nahm das Tempo an, auf das sich ein Handwerker nach langen Jahren immer gleichen Hämmerns eingespielt hat. Die Arbeiter auf dem Gerüst! Ehe Ilse aber richtig aufwachte, stand Henri vor ihr, blickte sie an, sah durch sie hindurch mit seinen wässerigen Augen, er wankte auf sie zu und nahm sie gar nicht wahr. Henri näherte sich einer Blumentapete - "die Wand!" wollte Ilse rufen, aber die Sprache blieb ihr in der Kehle stecken. Sie versuchte, wach zu werden, es gelang ihr nicht. Henri ging durch die Wand hindurch, torkelte hinaus in die marmorne Wandelhalle der Maison de la Radio de France, verschwand hinter einer Säule und tauchte nicht mehr auf.
Ilse blickte ihm nach, gelähmt und ohne Gefühl und ohne jegliches Bedürfnis nach einer Entscheidung. Genug, daß sie ihm nachsah. Die Zeit stand still, aber der Traum setzte sich fort. Plötzlich war jemand neben ihr, nein, hinter ihr, dennoch sah sie seine Gestalt, sein Gesicht, seine Adlernase, sie spürte seine scharfen und spöttischen Augen und wagte nicht, sich umzudrehen. Gainsbourg in die Augen schauen? Der Blitz würde sie treffen, sie würde zerstört sein, sich nie wieder davon erheben können - unwillkürlich richtete sie sich im Bett auf, der Kopf schmerzte, das Baugerüst knarrte, die Arbeiter riefen. Sie war endlich aufgewacht.
In Wirklichkeit war sie Gainsbourg, dem französischen Sängeridol, noch nie begegnet. Nur aus der Ferne hatte sie ein oder zwei Mal seine Silhouette erblickt, eine schmale Gestalt im weiten Poncho. Trauben von jungen Mädchen und jungen Männern lauerten ihm überall auf, bestürmten ihn; er war zur eigenen Sicherheit immer um Distanz bemüht.
Im Fernsehen hatte sie ihn mehrmals gesehen, hatte sich von ihm beeindrucken lassen wie Millionen andere auch. Es war offensichtlich, daß Ilse für ihn schwärmte. Henri hatte sich oft genug über sie mokiert. "Oh, my Lady Héroine ..." Ihr fiel ein, daß sie seit Henris Tod kein einziges Lied von Serge Gainsbourg mehr angehört hatte, nicht bewußt, nicht aus eigener Entscheidung, sondern intuitiv, wie aus einem Schuldgefühl heraus, als sei dieser Verzicht ihre Trauergabe an den toten Ehemann. Im Kaufhaus, im Radio bei Freunden, ja, dort war es etwas anderes; in Frankreich verging ja kein Tag, an dem nicht irgendwo ein Lied von Gainsbourg gespielt wurde. "Null minus nach unendlich gezückt ..."
HOME PAGE EDITIONS PHI